Stufe 1: Verstehen und ansprechen
Der erste Schritt besteht darin, ein Klima des Vertrauens zu schaffen, sich die richtigen Fragen zu stellen und einzuschätzen, ob, wann und wie der Menstruationszyklus mit einer Sportlerin angesprochen werden soll.
Wie schaffe ich ein Klima des Vertrauens?
Um mit den Sportlerinnen offen über persönliche Themen zu sprechen, ist es wichtig, eine Beziehung aufzubauen, die auf Respekt, Wertschätzung und Offenheit basiert, und die spezifischen Bedürfnisse der Mädchen und Frauen zu berücksichtigen. Scham oder Unbehagen können Hindernisse darstellen – sowohl für die Sportlerin als auch für die Trainerin oder den Trainer. Eine gute Vorbereitung und ein fundiertes Wissen helfen, diese Hindernisse zu überwinden und ein offenes und entspanntes Gespräch zu führen. Werden diese Themen regelmässig und persönlich angesprochen, fördert dies die Entwicklung der Sportlerinnen und ermutigt sie, ihre Bedürfnisse mitzuteilen.
Ist ein solches Gespräch immer erforderlich?
Nein. Doch es ist notwendig, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit ein solcher Austausch jederzeit möglich ist. Nicht alle Sportlerinnen wollen den Zyklus in einem sportlichen Rahmen ansprechen, aber alle sollten wissen, dass sie das ohne Hemmungen und Vorurteile tun können. Bei minderjährigen Sportlerinnen ist es wichtig, die Eltern oder gesetzlichen Vertretenden darüber zu informieren, dass dieses Thema angesprochen werden könnte. Im Vorfeld ist es nützlich, sie mit Feingefühl zu sensibilisieren und die Vorteile sowie den möglichen Ablauf zu erklären: das erste Gespräch, das Tracking der Beobachtungen und deren Integration in das Training.
Wann ist der geeignete Zeitpunkt?
Die Gespräche können in bereits bestehende Strukturen integriert werden, so etwa in Feedbackgesprächen zu Beginn, zur Mitte oder zum Ende der Saison. Auch ein Austausch im Team kann ein passender Rahmen sein, wenn dies die Sportlerinnen wünschen. Ein Ansatz besteht darin, frauenspezifische Themen im Gespräch zu berücksichtigen und zu fragen, ob die Sportlerinnen gewisse Punkte beschäftigen – der Zyklus kann folglich als normales Thema analog zur Ernährung oder der Erholung angesprochen werden.
Fünf Empfehlungen
Um Trainerinnen und Trainern sowie Leiterinnen und Leitern das Ansprechen frauenspezifischer Themen zu erleichtern, hat Swiss Olympic fünf Empfehlungen ausgearbeitet. Hier sind sie an den Kontext des Menstruationszyklus angepasst.
Bereite dich vor
- Informiere dich über das Thema.
- Überlege dir im Vorfeld, wie du das Gespräch angehen willst: «Was, warum, wie, wo und wann möchte ich das Thema ansprechen?»
- Plane genügend Zeit ein und wähle ein angenehmes Setting für das Gespräch.
- Achte auf deine verbale und non-verbale Kommunikation (Nähe, Blickkontakt, Inhalt) – sei aufmerksam, interessiert und wohlwollend.
Hör aktiv zu
- Sei aufmerksam: Was sagt die Sportlerin, was ist ihre Meinung, ihr Gefühl?
- Strecke deine Fühler aus und höre auch auf indirekte Hinweise der Sportlerin.
- Vermeide voreilige Annahmen und Schubladisierungen.
- Im Gespräch kann es helfen, Aussagen zu paraphrasieren (Sachaussagen in eigenen Worten wiederholen), zu verbalisieren (emotionale Aussagen in eigene Worte fassen) und zusammenzufassen.
- Dränge die Sportlerin nie dazu, dir persönliche Themen anzuvertrauen.
- Respektiere allfälliges Schweigen oder die Ablehnung, über das Thema zu sprechen.
Zeig echtes, aufrichtiges Interesse
- Vertraue der Sportlerin, nimm sie ernst und versuche, sie zu verstehen.
- Stelle den Menschen ins Zentrum und nicht nur die Leistung.
- Sei neugierig, aufrichtig interessiert und frage bei Bedarf nach.
- Sei empathisch, zeig Mitgefühl und Verständnis und unterstütze die Sportlerin dabei, die für sie passenden Lösungen zu finden.
Frag und begleite
- Stelle offene Fragen. Zum Beispiel: «Wie fühlst du dich dabei?»
- Stelle lösungs- und ressourcenorientierte Fragen. Zum Beispiel: «Was wären mögliche Lösungen?», «Was hast du schon probiert?» oder «Wer könnte dich wie unterstützen?».
- Schlage Tools für die Beobachtung oder Dokumentation vor.
- Biete an, die Intensität, die Belastung oder den Inhalt einer Trainingseinheit wenn nötig anzupassen.
- Ermutige die Sportlerin, eine Fachperson zu konsultieren, falls besorgniserregende oder schwer zu bewältigende Symptome auftreten.
- Kläre am Gesprächsende mit der Sportlerin, wie es weitergeht.
Lernbaustein «Frauenspezifische Themen ansprechen»
Der digitale Lernbaustein «Frauenspezifische Themen ansprechen» soll Trainerinnen und Trainern sowie Leiterinnen und Leitern helfen, die spezifischen Bedürfnisse von Frauen im Training zu berücksichtigen. Dabei werden Themen wie die anatomischen und physiologischen Unterschiede zwischen Frauen und Männern sowie ihre Auswirkungen auf das Training und dessen Planung behandelt. Dieser Lernbaustein hat zum Ziel, die Betreuungspersonen für die spezifischen Bedürfnisse der Sportlerinnen zu sensibilisieren und einen inklusiveren und massgeschneiderten Ansatz zu fördern.
- Zum Lernbaustein: Frauenspezifische Themen ansprechen
Checkliste für Trainerinnen und Trainer
- Fühle ich mich mit dem Thema Menstruationszyklus wohl?
- Fühlen sich meine Sportlerinnen frei, mit mir darüber zu sprechen?
- Ist mir bewusst, dass jede Sportlerin anders ist, sowohl in Bezug darauf, wie sie den Zyklus und die Symptome erlebt, als auch in Bezug auf ihre Bedürfnisse?
- Habe ich neutrale und gut zugängliche Ressourcen (z. B. Links zu Online-Dossiers) zur Verfügung gestellt für diejenigen, die sich lieber selbst informieren?
- Habe ich bereits erwähnt, dass sich das Training an die spezifischen Bedürfnisse im Zusammenhang mit dem Zyklus anpassen lässt?
Wissen über den Zyklus und Selbstbeobachtung
Um ihren Körper besser zu verstehen, ist es wichtig, dass die Sportlerinnen lernen, ihren Zyklus bewusst zu beobachten. Diese Selbstbeobachtung bildet die Grundlage für einen Dialog und eine allfällige vorzeitige und individuelle Anpassung des Trainings.
Dabei wird ein Grundverständnis der Zyklusphasen vorausgesetzt. Es ist nicht nötig, in komplexe medizinische Details zu gehen, aber wichtig, die Hauptphasen zu kennen, zu verstehen, was im Körper in jeder Phase vorgeht und sich bewusst zu sein, dass die Erfahrungen sehr individuell sind.
Wissen weitergeben
Es empfiehlt sich, die Sportlerinnen mit diesen Aspekten schrittweise und in geeigneter Form vertraut zu machen:
- in persönlichen Gesprächen für eine individuelle Betreuung;
- in der Gruppe, um den Austausch zu fördern und das Thema zu enttabuisieren;
- mithilfe einer Gesundheitsfachperson, falls nötig.
Hilfsmittel wie Infografiken oder ausgewählte Inhalte des vorliegenden Dossiers können das Verständnis erleichtern und das Thema anschaulicher machen. Zudem ist es sinnvoll, denjenigen Sportlerinnen Material zur Verfügung zu stellen, die sich selbstständig und in ihrem eigenen Rhythmus informieren wollen. Es ist wichtig, auf die Bedürfnisse der Gruppe zu achten: Überlegen Sie oder fragen Sie direkt nach, welche Art von Einführung ins Thema am nützlichsten und angenehmsten für sie wäre. Dies schafft einen Rahmen, der Offenheit und eine nachhaltige Verankerung des Wissens fördert.
Selbstbeobachtung fördern
Um den Sportlerinnen zu ermöglichen, sich selbst zu beobachten und besser kennenzulernen, kann ein Beobachtungsjournal verteilt werden. Alle Sportlerinnen, unabhängig davon, ob sie hormonell verhüten oder nicht, können es ausfüllen. Im Folgenden ist dessen Benutzung erklärt. Es ist auch möglich, den Zyklus mit digitalen Anwendungen zu tracken. Wichtig ist dabei, dass damit die Symptome und das allgemeine Empfinden sowie der Zusammenhang mit dem Training dokumentiert werden können.
Mein Zyklustagebuch
Während des Trainings den eigenen Körper zu beobachten hilft zu verstehen, wie er je nach Tag reagiert. Manchmal fühlen sich die Beine leicht und kräftig an, als ginge alles von alleine vonstatten. An anderen Tagen fühlen sie sich schwer an und jede Beschleunigung erfordert noch mehr Anstrengung. Die Bewegungskoordination kann an gewissen Tagen mühelos verlaufen und an anderen Tagen weniger genau sein, und einige Sportlerinnen verspüren spezifische Schmerzen (Bauchkrämpfe, Rückenverspannungen, Kopfschmerzen). Die Ausdauer, die Anstrengung der Atmung und die Erholung variieren ebenfalls.
Dabei soll nicht beurteilt werden, ob eine Trainingseinheit «gut» oder «schlecht» war, sondern es soll die Befindlichkeit notiert werden. Dies ermöglicht, den eigenen Körper besser zu verstehen und Tendenzen zu erkennen, anhand derer das Training angepasst oder Überbelastung vermieden werden kann.
Download: Mein Zyklustagebuch (pdf)
1. Im Alltag beobachten
Nimm dir während zwei Zyklen jeden Tag ein, zwei Minuten Zeit, um deine Befindlichkeit zu notieren, ohne darüber zu urteilen.
- Stell dir die folgende Frage: «Wie fühle ich mich heute?»
- Dokumentiere dein Energielevel, deine Motivation, deine Stimmung, die Schlafqualität und allfällige Symptome mithilfe einer Skala von 1 bis 5 (Abschnitte «Zyklus» und «Befindlichkeit»).
- Achte insbesondere auf die prämenstruelle Phase (drei bis sieben Tage vor der Menstruation) und die Menstruationsphase, da dies häufig Zeitpunkte sind, in denen die Schwankungen am stärksten ausgeprägt sind.
2. Verknüpfe deine Beobachtungen mit deinem Training
Beobachte die Tendenzen, die nach mindestens zwei Zyklen ersichtlich werden.
- Frag dich: «Wie beeinflusst das, was ich beobachtet habe, meine Empfindungen beim Training?»
- Gewisse Trainingseinheiten scheinen dir einfacher, andere anspruchsvoller, je nach Müdigkeit, Konzentration oder Erholung.
- Fülle das Tagebuch während eines oder zweier weiterer Zyklen aus und ergänze auch den Abschnitt «Training».
3. Das Gelernte anwenden
Das Gelernte hilft dir:
- zu antizipieren, wann dein Körper sensibler, wann leistungsfähiger ist;
- dein Training wenn nötig anzupassen (Intensität, Dauer, Trainingsart);
- zu entscheiden, ob du mit deiner Trainerin oder deinem Trainer darüber sprechen möchtest, um gemeinsam die erforderlichen Anpassungen einzuplanen.






