Sweet Spot – Die Psychologie des Unterrichtens

Wenn Hände sprechen: Kleine Bewegungen mit grosser Wirkung

Wohin bloss mit den Händen? Oder anders gefragt: Wie können wir unsere Hände beim Unterrichten zielführend und gewinnbringend einsetzen? Dieser Frage widmet sich der fünfte Artikel der Serie «Die Psychologie des Unterrichtens».

Wenn Hände sprechen: Kleine Bewegungen mit grosser Wirkung

Autor: Tim Hartmann, Fachspezialist bei Jugend- und Erwachsenensport am BASPO; Dozent für Sportpsychologie und Kampfsport am Departement für Sport, Bewegung und Gesundheit der Universität Basel

Mit den Händen ist das so eine Sache. Tagein, tagaus verschwenden wir kaum einen Gedanken an sie. Sie sind einfach da uns leisten uns wertvolle Dienste. Kaum aber halten wir vor Leuten eine Rede, überfordern sie uns. Plötzlich entwickeln sie ein kurioses Eigenleben. Auf unkontrollierbarer Wanderschaft verschwinden sie für einen Moment in den Hosentaschen, schnellen wieder hervor, reiben aneinander, kratzen am Kinn, fahren durchs Haar und zupfen an unserer Kleidung.

Finde den Sweet Spot

Welches Feld würdest du im Koordinatensystem anklicken? Wie steht es um deine Kenntnisse in Sachen Gestik? Du hast drei Versuche.

Deine Ausbilderin oder dein Ausbilder …

… hält den Presenter (Klicker) in der …
2
… nicht-dominanten Hand.
A2
B2
C2
D2
1
… dominanten Hand.
A1
B1
C1
D1
… gestikuliert …

Auflösung

Horizontale Achse: 1 = wenig, 2 = eher wenig, 3 = eher viel, 4 = viel

Waagrechte

Die Verhaltensforscherin Vanessa Van Edwards zeigte zwei Gruppen von Versuchspersonen Videoaufzeichnungen von Vorträgen und befragte sie zu Faktoren wie Glaubwürdigkeit, Kompetenz oder Charisma der Referentinnen und Referenten. Die Bewertungen der beiden Versuchsgruppen unterschieden sich kaum. Pikantes Detail: Die Versuchspersonen der einen Gruppe hatten sich die Vorträge ohne Ton angeschaut. Offensichtlich beeinflusst die Körpersprache der vortragenden Person die Bewertung einer Präsentation massgeblich.

Beflügelt von diesem Befund, tauchten Van Edwards und ihr Team tiefer in die Materie ab. Sie untersuchten hunderte Stunden von TED-Talks und analysierten die Gestik der Referentinnen und Referenten. Ihr Fazit: Je erfolgreicher ein Talk (bezüglich Likes und Views), desto mehr wird gestikuliert. Konkret kamen die beliebtesten Vorträge im Durchschnitt auf 465 Handgesten in 18 Minuten. Die weniger populären dagegen nur auf 272 Gesten. Die Hintergründe zur Studie fasst Van Edwards in einem sehenswerten (und gestenreichen) TED-Talk1 zusammen.

Nun runzelst du vielleicht die Stirn. Besser: Du hebst den Mahnfinger (schliesslich sind wir ja beim Thema «Gesten»). Die vorgestellten Ergebnisse sind nur korrelativ. Das heisst sie zeigen einen Zusammenhang, aber erlauben keine Schlussfolgerungen über Ursache und Wirkung.

Eine Studie2 der Universität Southern California entkräftet diesen Einwand. Studienleiter Luca Rizzo und sein Team konnten nachweisen, dass sowohl die Quantität als auch die Qualität der Gesten zentrale Einflussgrössen sind. In einem experimentellen Setting sahen Zuschauergruppen identische Vorträge, die sich einzig bezüglich der Gestik unterschieden. Nutzte die vortragende Person illustrative Gesten wurde sie als kompetenter, überzeugender und glaubwürdiger wahrgenommen. Gemeint sind damit Gesten, die das Gesagte visuell unterstützen (z.B. das Ausbreiten der Arme, um eine grosse Distanz zu veranschaulichen). Tiefere Werte erhielt die vortragende Person, wenn sie mit «Beat Gestures» (reine Betonungsbewegungen ohne Bedeutung), zufälligen Gesten oder ohne Gesten auftrat.

Wie erklären sich die Forschenden diese Befunde? Gemäss Rizzo sind illustrative Gesten besonders wirksam, weil die Inhalte für die Zuschauenden damit verständlicher und einprägsamer werden. Diese Wahrnehmung wiederum führt dazu, dass sie den Vortragenden als kompetenter einschätzen. Wer mit passenden und gezielten Gesten arbeitet, signalisiert seinem Publikum zudem: Ich beherrsche meine Vortragsinhalte so gut, dass ich zeitgleich auf zwei Kanälen unterrichten kann (verbal und nonverbal). Ergänzend zieht Van Edwards noch eine evolutionsbasierte Erklärung bei. Demnach schauen wir unseren Mitmenschen zuerst auf die Hände. Dieser Reflex diente unseren Vorfahren als Lebensversicherung, um sich zu vergewissern, dass ihr Gegenüber keine Waffe in den Händen hielt. Eine vortragende Person, die aktiv mit den Händen arbeitet, weckt bei uns (unbewusst) mehr Vertrauen und Sympathie als eine Person, die ihre Hände hinter dem Rednerpult versteckt.

Nun haben wir unsere Eingangsfrage («Wohin mit den Händen?») erst zur Hälfte beantwortet. Was machen die Hände, wenn du nicht am Gestikulieren bist? Tabu sind die Hosentaschen oder der General (Hände hinter den Rücken). Das Feigenblatt (vor dem Schritt) mutet etwas beschämt an. Verschränkte Arme wirken eher verschlossen. Viele Vortragende halten die Hände vor dem Bauch. Diese Position ist bühnentauglich, vermutlich, weil wir sie von den Moderatorinnen und Moderatoren im Fernsehen kennen. Sie eignet sich als Ausgangspunkt für Gesten. Der Körpersprache-Experte Dominik Schott warnt jedoch vor einer übermässigen «T-Rex»-Haltung. Bleiben die Ellbogen an der Körperseite angeklebt, limitiert das die Gestik. Bei Nervosität birgt diese Position zudem die Gefahr, dass Vortragende an den Fingern oder an einem Gegenstand (z.B. einem Presenter) rumnesteln. Deshalb empfiehlt Schott in seinem Ratgeber3 die Nullposition. Er meint damit die Hände in aufrechter Haltung locker an der Körperseite hängen zu lassen. Das fühlt sich am Anfang etwas ungewohnt an, aber lohnt sich. Wer seine Hände nach einem Gedankengang locker in die Nullposition fallen lässt, baut kleine Pausen ein und strukturiert den Vortrag besser. Dagegen steigt beim «T-Rex» das Risiko, dass dieser ohne Punkt und Komma referiert. Schott zieht dieses Fazit: «Hände auf Halbmast ist die Parkposition für Unsichere. Angstfreie Redner gönnen sich die Nullposition.»

Senkrechte

Halte den Presenter (Klicker) in der nicht-dominanten Hand, lautet der Rat von Dominik Schott. Zugegeben, ob dein Unterricht die Teilnehmenden zu begeistern vermag oder nicht, hängt nicht davon ab, in welcher Hand du den Presenter hältst. Somit handelt es sich hierbei nur um einen kleinen, aber durchaus feinen Tipp. Letzteres, weil du, liebe Leserin oder lieber Leser, den Presenter bisher mit grösster Wahrscheinlichkeit immer in der dominanten Hand gehalten hast und es für dich ein Leichtes ist, deine bisherige Praxis zu ändern. Nun, warum sollst du das tun? Schott argumentiert, dass wir den Presenter instinktiv in die Hand nehmen, mit der wir schreiben. Dies ist jedoch meist auch die aktivere Hand und führt häufig dazu, dass wir wild mit dem Gerät durch die Luft wirbeln. Es ist also besser, den Presenter in die nicht-dominante Hand zu nehmen und diese entspannt in der Nullposition (vgl. oben) hängen zu lassen. So ist die «Haupthand» frei, um präzise und zielgerichtet zu gestikulieren.

Wer so auftritt, durchbricht das gängige Muster der Beidhändigkeit. Darunter verstehen wir meist rhythmische Bewegungen, bei denen beide Händen spiegelbildlich das Gleiche tun. Diese sogenannte synchrone Gestik ist nicht falsch und wirkt mitunter kraftvoll und leidenschaftlich. Sie verliert jedoch schnell an Wirkung und alle Botschaften sehen damit gleich aus. Darum lohnt es sich, bewusst auch asynchrone Gesten einzustreuen. Dabei bewegst du die Hände unabhängig voneinander bzw. gestikulierst nur mit einer Hand und lässt die andere Hand (mit dem Presenter) ruhen. Oftmals wirken asynchrone Gesten überzeugender und interessanter. Das glaubst du nicht? Stell dich mal vor den Spiegel und probiere es aus!

Tipps zum Einsatz von Gesten

  • Überleg dir im Vorfeld einer Unterrichtssequenz, wie du deine Kernbotschaft (vgl. den Sweet Spot Nummer 4) mit einer einprägsamen Geste unterstreichen kannst.
  • Nutze Gesten, bei denen deine Handflächen nach oben zeigen. Sie wirken offener, freundlicher und einladender als Gesten, bei denen die Handflächen nach unten zeigen. Schau dir dazu den TED-Talk4 des Körpersprache-Experten Alan Pease an.
  • Vermeide Zeigefinger-Gesten. Sie vermitteln einen dominanten und belehrenden Eindruck. Das haben auch die Politikerinnen und Politiker gelernt. Barack Obama beispielsweise umschifft die Zeigefinger-Geste, indem er eine sogenannte «Precision Grip»-Geste nutzt. Darunter versteht man eine charakteristische Handbewegung, bei der Daumen und Zeigefinger eine feine, präzise Greifbewegung formen. Sie soll dem Gesagten Nachdruck verleihen, scharfe Argumente unterstreichen oder eine wichtige Information hervorheben. Aufgrund der wiederholten Nutzung durch Obama, sprechen Körpersprache-Experten mittlerweile vom «Obama-Thumb».

Quellen

  • 1Van Edwards, V. (2017, November 13). You are contagious [Video]. TEDxLondon. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=cef35Fk7YD8
  • 2Rizzo, C., Berger, J., & Zhou, X. (2025). Talking with your hands: How hand gestures influence communication. Journal of Marketing Research. Advance online publication. https://doi.org/10.1177/00222437251385922
  • 3Schott, D. U. (2021). Souverän präsentieren – Die erste Botschaft bist Du: Wie Sie Körpersprache authentisch und wirkungsvoll einsetzen (2., überarb. u. erw. Aufl.). Springer Gabler.
  • 4Pease, A. (2016, January 8). – Body language – The Power is in The Palm of Your Hands [Video]. TEDx Talks. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=ZZZ7k8cMA-4

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