Sweet Spot – Die Psychologie des Unterrichtens

Die Macht der Stille – Wie Du Redepausen gezielt einsetzt

Redepausen sind kein Zeichen von Unsicherheit. Sie sind ein wirkungsvolles didaktisches Mittel. Richtig eingesetzt, steigern sie Aufmerksamkeit, Verständnis und Wirkung im Unterricht. Dieser Beitrag der Serie «Die Psychologie des Unterrichtens» zeigt, wann und wie du Redepausen gezielt einsetzen kannst.

Sweet Spot – Die Psychologie des Unterrichtens: Die Macht der Stille – Wie Du Redepausen gezielt einsetzt

Autor: Tim Hartmann, Fachspezialist bei Jugend- und Erwachsenensport am BASPO; Dozent für Sportpsychologie und Kampfsport am Departement für Sport, Bewegung und Gesundheit der Universität Basel

Stell dir eine Referentin oder einen Referenten vor, die oder der sich mit diesen Worten an sein Publikum wendet: «Heute sprechen wir über die Wirksamkeit von Redepausen. Wie steht es um euch? Macht ihr bewusste Redepausen beim Unterrichten? Ich zeige euch auf, wie oft ihr beim Unterrichten Redepausen machen sollt und wie lange diese dauern sollen.»

Stell dir nun eine zweite Referentin/einen zweiten Referenten vor: «Heute verrate ich euch das Geheimrezept vieler erfolgreicher Referentinnen und Referenten: [hält 3 Sekunden inne, blickt in die Runde]. Es geht um die Macht der Redepausen. [2 Sekunden Pause] Wie steht es um euch – macht ihr bewusste Redepausen beim Unterrichten? [schaut in die einzelnen Gesichter und lässt 5 Sekunden verstreichen]. Wir befassen wir uns mit 2 Fragestellungen: [bewegt sich schweigend zum linken Bühnenrand]. Wie oft sollten wir beim Unterrichten Redepausen machen? [bewegt sich schweigend zum rechten Bühnenrand]. Wie lange sollten Redepausen dauern?»

Wem wirst du lieber folgen?

Finde den Sweet Spot

Welches Feld würdest du im Koordinatensystem anklicken? Wie steht es um deine Kenntnisse Redepausen? Du hast drei Versuche.

Deine Ausbilderin oder dein Ausbilder …

Senkrechte: … macht …

Waagrechte: … hält Redepausen …

… sehr wenige Redepausen. …sehr viele Redepausen.
5
A5
B5
C5
D5
E5
4
A4
B4
C4
D4
E4
3
A3
B3
C3
D3
E3
2
A2
B2
C2
D2
E2
1
A1
B1
C1
D1
E1
… sehr kurz. … sehr lang.

Auflösung

Senkrechte

Wer eine Rede vorbereitet, denkt naturgemäss ans Reden und nicht an die Redepausen. Nachvollziehbar, aber bedauerlich. Schliesslich sind es oftmals die Redepausen, die der Rede Kraft verleihen. So bemerkte der Schriftsteller Mark Twain: «Das richtige Wort mag effektiv sein, aber kein Wort war jemals so effektiv wie eine richtig gesetzte Pause.»

Wir nehmen Twain beim Wort und haken nach: Was heisst nun «richtig gesetzt»? Hier sind fünf Momente, in denen eine Redepause angebracht ist:

  • Die Wirkpause: Wie beim Boxen gilt es auch beim Unterrichten Wirkungstreffer zu erzielen. Hier jedoch endet die Parallele: Während der Boxer versucht, möglichst schnell nachzudoppeln, machst du das Gegenteil: Gib den Teilnehmenden Zeit und ermögliche ihnen so, eine zentrale Aussage zu verarbeiten. Leider wird dies oftmals versäumt. Der Kommunikationsexperte René Borbonus bezeichnet darum die Wirkpause als das am meisten unterschätzte Stilmittel der Rhetorik.
  • Die Spannungspause: Im Gegensatz zur Wirkpause erfolgt die Spannungspause vor einem wichtigen Wort oder einer zentralen Aussage. So weckst du die Neugier der Teilnehmenden. Du weisst schon: «And the Oscar goes to … »
  • Die Übergangspause: Sie erfolgt zwischen zwei Themenblöcken. Damit erleichterst du den Teilnehmenden die Strukturierung der Unterrichtsinhalte.
  • Die Betonungspause: Ähnlich wie die Wirkpause erfolgt sie im Nachgang. Dabei betonst du eine markante Zahl (oder ein Schlüsselwort) und wiederholst diese nach einer kurzen Pause (Beispiel: «Er war fünf Jahre lang die Nummer 1! [Pause] Fünf Jahre!»)
  • Die Denkpause: Mit anregenden Fragen involvierst du dein Publikum («Hattest du früher auch eine Angstgegnerin oder einen Angstgegner?»). Gib den Teilnehmenden danach unbedingt Zeit, um über die Frage nachzudenken (auch wenn du keine Antwort erwartest). Versäumst du dies, verpufft die Wirkung der Frage.

Was oftmals vergessen geht: Redepausen sind nicht für dein Publikum eine Wohltat, sondern auch für dich. Sie geben dir Zeit, durchzuatmen und deine Worte und Gedanken zu strukturieren.

Waagrechte

Sprechende und Zuhörende haben bezüglich Redepausen ein unterschiedliches Zeitempfinden. Stehst du vor Publikum, erlebst du eine Redepause vielleicht als gefühlte Ewigkeit. Deinem Publikum hingegen, wird diese Zeit viel kürzer vorkommen. In einem Blog-Beitrag spricht die Kommunikationsexpertin Clara von Sydow diesbezüglich vom Faktor 5. Soll heissen, eine Redepause kommt der vortragenden Person fünfmal länger vor als den Zuhörerinnen und Zuhörern. Die Zahl 5 ist empirisch nicht erhärtet. Gleichwohl halten wir fest: Die perfekte Pause fühlt sich für die sprechende Person meist etwas zu lang an.

Konkrete Empfehlungen zur idealen Dauer einer Redepause lassen sich schwer festmachen. Situative Aspekte (z.B. feierliche Rede versus gewöhnliche Unterrichtslektion) oder inhaltliche Überlegungen (z.B. komplexe Wissensvermittlung versus einfache Instruktion) verlangen nach unterschiedlichen Pausenlängen. Sehnst du dich gleichwohl nach griffigen Zeitempfehlungen, kannst du dich an den Vorgaben von Sprech-Coach Richard Garber orientieren. In seinem Blog (englisch) empfiehlt er diese Pausenlängen: eine Sekunde nach einem Komma, zwei Sekunden nach einem Satz, drei Sekunden nach einem Absatz, vier Sekunden nach einem Unterthema und fünf Sekunden nach einem Thema.


So wirst du zum Pausenkünstler

Wie dargestellt, lohnt es sich, viele Redepausen einzuflechten und diese zeitlich zu strecken (auch wenn dein inneres Ich darauf pocht, weiterzureden). Kannst du es dabei auch übertreiben? Ja, das geht. Darum liegt der Sweet Spot in der obenstehenden Grafik auf D4. Und nicht auf E5.

Zu viele Redepausen können eine Präsentation ins Stocken bringen. Bei Redepausen, die übertrieben lang ausfallen, fühlen sich die Teilnehmenden peinlich berührt oder fangen an zu rätseln, ob der Vortragende seinen Text vergessen hat. Dies sind jedoch Ausnahmen. Fakt ist: Viele Unterrichtende geizen mit Redepausen und neigen dazu, ohne Punkt und Komma zu sprechen. Falls du dich angesprochen fühlst, empfehlen wir drei Massnahmen:

  1. Filme dich beim Unterrichten und analysiere deine Pausengestaltung systematisch.
  2. Bitte eine Kollegin oder einen Kollegen um ein gezieltes Feedback («Kannst du dich mal in meinen Unterricht setzen und darauf achten, ob und wie ich Redepausen mache?»).
  3. Setz dich mit den untenstehenden Tipps auseinander und probiere diese im Unterricht aus.

Redepausen – Lehrzeit statt Leerzeit

  • Folge dem Grundsatz: Sprechen im Stehen, Denken im Gehen. Damit schlägst du zwei Fliegen mit einer Klappe: Du stellst Redepausen sicher und bewegst dich beim Unterrichten bewusst (siehe Sweet Spot Nr. 3 zum Thema «Wo stehen und wie gehen?»)
  • Probiere die S.T.O.P.-Regel aus. Sie steht für: «Single Thought, One Person». Dabei stellst du Blickkontakt zu einer Person im Publikum her und formulierst einen Satz oder Gedanken. Dann pausierst du, suchst Blickkontakt zu einer anderen Person und wendest dich mit dem nächsten Satz oder Gedanken an sie.
  • Arbeite mit der Doppelpunkt-Methode, wie sie der Präsentationsprofi Michael Moesslang im Rhetorikmagazin vorschlägt. Dabei stellst du die wichtigste Aussage nach einem Doppelpunkt an das Satzende. Anstatt: «Mit 703’700 Mädchen und Jungen hat J+S einen neuen Teilnehmerrekord aufgestellt». Besser: «J+S hat einen neuen Teilnehmerrekord aufgestellt: 703’700 Mädchen und Jungen.» So betonst du eine wichtige Aussage und der Doppelpunkt erleichtert dir eine vorgängige Spannungspause einzubauen.

Alle Beiträge der Serie

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