Sweet Spot – Die Psychologie des Unterrichtens

Der Platz macht den Unterschied

Fensterplatz. Ehrenplatz. Stammplatz. Lieblingsplatz. Logenplatz. Stehplatz. Chefplatz. Ein Platz ist nie nur ein Platz. Er erzählt oftmals auch eine Geschichte über Vorlieben, Bedürfnisse, aber auch über Nähe, Distanz und Macht. Auch im Unterrichtssetting spielt die Platzierung der Teilnehmenden eine wichtige Rolle. Als Ausbilderin oder Ausbilder kannst du dabei Einfluss nehmen und so ihre Aufmerksamkeit und Beteiligung gezielt fördern. Wie das geht? Davon handelt der neuste Artikel der Serie «Die Psychologie des Unterrichtens».

((KI-generierter Platzhalter – Franz setzt neu um))

Autor: Tim Hartmann, Fachspezialist bei Jugend- und Erwachsenensport am BASPO; Dozent für Sportpsychologie und Kampfsport am Departement für Sport, Bewegung und Gesundheit der Universität Basel

Es gibt Unterrichtsfragen, über die Lehrpersonen leidenschaftlich diskutieren: Sollen die Teilnehmenden sitzen oder stehen? Im Kreis oder in Reihen? Doch spielt das alles wirklich eine Rolle? Wer schon einmal zwanzig Kinder oder Jugendliche durch eine Sporthalle dirigiert hat, weiss: Irgendwo landet immer jemand, die oder der dort eigentlich gar nicht hin wollte. Umso besser, wenn hinter deiner Entscheidung mehr steckt als ein spontanes «Setz dich einfach mal dort hin».

Finde den Sweet Spot

Welches Feld würdest du im Koordinatensystem anklicken? Vermutlich kennst du Situationen, in denen eine Sitzordnung hervorragend funktioniert hat. Und andere, in denen kaum Austausch entstand oder die Aufmerksamkeit rasch nachliess. Wovon hängt das ab? Du hast drei Versuche.

Deine Ausbilderin oder dein Ausbilder…

wählt bei Reflexionsrunden eine Kreisanordnung, bei der …
4
alle sitzen
A4
B4
C4
D4
3
er/sie sitzt, die TN stehen
A3
B3
C3
D3
2
er/sie steht, die TN sitzen
A2
B2
C2
D2
1
alle stehen
A1
B1
C1
D1
platziert die Teilnehmenden beim Vorzeigen vis-a-vis von …

Auflösung

Senkrechte

Drehen wir das Rad der Geschichte zurück zu den Rittern der Tafelrunde. In der Sage um König Artus liess dieser einen runden Tisch anfertigen. Dies war aussergewöhnlich. Schliesslich nahmen die Leute bis anhin an rechtwinkligen Tischen Platz, welche jeweils einen Ehrenplatz vorsahen. So sassen Könige und Herrschenden jeweils am Kopfende. Der Legende nach brachte der runde Tisch zum Ausdruck, dass alle gleichwertig sind.

Auch heutzutage steht die kreisförmige Sitzordnung für Gleichbehandlung, Zusammenarbeit und Austausch. Zu dieser Erkenntnis gelangt auch die Bildungsforschung. In einer Übersichtsarbeit1 betonen Forschende der Pennsylvania State Universität, dass Teilnehmende durch halbkreis- und kreisförmige Anordnungen zum Austausch und Dialog angeregt werden. Im Gegenzug bieten sich Sitzreihen an, wenn das störungsfreie Arbeiten im Zentrum steht.

Überzeugt von der kreisförmigen Anordnung untersuchten St. Onge und Eitel2 Unterrichtseinheiten im Klassenzimmer und draussen. Dabei unterschieden sie vier Varianten von Kreisformationen. Die höchste Beteiligung und das grösste Engagement wurden erreicht, wenn sowohl Lehrperson wie auch Teilnehmende sassen. Weniger hoch waren die Werte, wenn alle standen oder wenn die Lehrperson sass, und die Teilnehmenden standen. Bei der traditionellen Konstellation mit einer stehenden Lehrperson und sitzenden Teilnehmenden waren Beteiligung und Engagement am niedrigsten.

St. Onge und Eitel vermuten, dass die sprichwörtliche Augenhöhe zwischen Lehrperson und Lernenden entscheidend zu diesen Befunden beiträgt. Befinden sich alle Beteiligten auf derselben Höhe – insbesondere, wenn alle sitzen –, wirkt die Lehrperson weniger dominant. Vermutlich empfinden die Teilnehmenden die Gesprächssituation als gleichwertiger und sind motiviert, sich am Austausch zu beteiligen.

Waagrechte

Zugegeben, es existiert keine Studie mit einer Versuchsanordnung, die den Kategorien der waagrechten Achse entspricht. Es gibt jedoch Studien, die aufzeigen, wie leicht sich Teilnehmende von Hintergrundaktivitäten und -reizen ablenken lassen. Ein englisches Psychologenteam3 zeigte Primarschulkindern Videos mit Unterrichtseinheiten. Die eine Hälfte der Einheiten fand vor einer neutralen Wand statt, die andere Hälfte vor einer stark dekorierten Wand. Mittels Eye-Tracking (Aufzeichnen der Blickbewegungen) wiesen die Forschenden nach, dass die stark dekorierten Wände den Blick häufiger von der Lehrperson und den Lerninhalten ablenken. Diese Ablenkung wirkte sich auf den Lernerfolg aus. In den Prüfungen zu den Unterrichtseinheiten vor dekoriertem Hintergrund, schnitten die Teilnehmenden schlechter ab.

Übertragen wir diese Erkenntnisse auf das Unterrichten im Sportsetting und auf unsere obige Fragestellung zum Sweet Spot. Platzierst du deine Teilnehmenden so, dass sie Richtung Fenster oder Eingang schauen, ist das nicht ideal. Dies vor allem, wenn die Eingangstüre immer wieder mal aufgeht (weil z.B. Eltern oder andere Zuschauer eintreten) oder wenn das Fenster auf einen belebten Pausenplatz oder Strasse mündet. Jegliche Bewegung, die nicht mit dir und deinen Ausführungen zu tun hat, ist Gift für die Aufmerksamkeit deiner Teilnehmenden. Aus evolutionsbedingten Gründen ist unser visuelles System so stark auf bewegte Reize ausgerichtet, dass wir diesen kaum widerstehen können. Das schnelle Wahrnehmen von Veränderungen – z.B. ein gefährliches Tier oder auch eine potenzielle Beute – hat uns vor Jahrtausenden das Überleben gesichert. Die wilden Tiere sind mehrheitlich verschwunden, der Reflex ist geblieben. Falls du es nicht glaubst, setz dich mal in ein Tram oder einen Bus. Selbst wenn du es nicht möchtest, wirst du immer auf einen der Bildschirme glotzen, weil dort eine neue Anzeige oder Schlagzeile aufblitzt.

Die dritte Option in unserer Abbildung zum Sweet Spot war der Spiegel. Dieser ermöglicht den Teilnehmenden eine zusätzliche Perspektive auf deine Bewegungsdemonstrationen. Mit Blick auf unsere angesprochene Vorliebe für bewegte Reize, ahnst du jedoch, dass auch ein Spiegel suboptimal ist. Speziell bei einem jüngeren Publikum läufst du Gefahr, vor dir (und hinter dir!) zwanzig Grimassen schneidende Clowns zu haben. So verkommen Deine Ausführungen und (Bewegungs-)Demonstrationen rasch zur Nebensache.

Schlussfolgerung für deinen Unterricht: Stell dich beim Erklären und Vorzeigen möglichst vor eine neutrale, undekorierte Wand. So einfach dieser Tipp ist, so oft wird er ignoriert. Wie steht es bei Dir? Falls du regelmässig in der gleichen Turnhalle o.ä. unterrichtest: Vor welchem Hintergrund stehst du bei deinen Ausführungen? Wäre es angebracht, die Teilnehmenden anders zu platzieren?


Tipps: Werde Meister/-in im Platzanweisen

  • Während es bei Austauschgefässen sinnvoll ist, sich hinzusetzen (vgl. oben), gibt es beim Erklären und Vorzeigen keine klare Empfehlung, ob die Teilnehmenden stehen oder sich setzen sollen. Die Länge deiner Ausführungen und das Alter der Teilnehmenden geben dir einen Anhaltspunkt. Bei kurzen Erklärungen mit nachfolgenden Bewegungsaufgaben macht es Sinn, dass die Teilnehmenden stehen. So sind sie in einer «aktiveren» Position und der Übergang in die Bewegung fällt leichter. Bei jüngeren Teilnehmenden mit hohem «Zappelfaktor» lohnt es, sie hinzusetzen. Dies schränkt ihren Bewegungsradius ein und erleichtert ihnen das aufmerksame Zuschauen.
  • Entscheide dich beim Unterrichten für 2 bis 3 Standorte und halte an diesen fest. Platziere die Teilnehmenden bei Erklärungen beispielsweise immer auf der gleichen Hallenseite und lasse sie zu Beginn, bei Reflexions- und Austauschfenstern und am Schluss im Mittelkreis hinsetzen. Prüfe, ob du im Trainingsbetrieb mit wiederkehrenden akustischen Signalen arbeiten möchtest (z.B. 1 Pfiff: Teilnehmende begeben sich zur Hallenseite; 2 Pfiffe: Teilnehmende besammeln sich im Mittelkreis).
  • Die Frage, ob die Teilnehmenden sitzen oder stehen sollen, hängt auch davon ab, wie gut sie die Bewegungsdemonstration verfolgen können. Bei Sportarten, die sowohl Stand- wie auch Bodenelemente beinhalten (z.B. Judo oder Schwingen), kann es sinnvoll sein, dass die Teilnehmenden beim Zuschauen einer Standtechnik sitzen und bei einer Bodentechnik stehen (und so von oben herab einen guten Blickwinkel auf das Gezeigte haben).

Literatur

  • 1Wannarka, R., & Ruhl, K. (2008). Seating arrangements that promote positive academic and behavioural outcomes: A review of empirical research. Support for Learning, 23(2), 89–93. https://doi.org/10.1111/j.1467-9604.2008.00375.
  • 2St. Onge, J., & Eitel, K. (2017). Increasing active participation and engagement of students in circle formations. Networks: An Online Journal for Teacher Research, 19(1), Article 7. https://doi.org/10.4148/2470-6353.1014
  • 3Hanley, M., Khairat, M., Taylor, K., Wilson, R., Cole-Fletcher, R., & Riby, D. M. (2017). Classroom displays—Attraction or distraction? Evidence of impact on attention and learning from children with and without autism. Developmental Psychology, 53(7), 1265–1275. https://doi.org/10.1037/dev0000271

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