Transferwirksamkeit: Wie Wissen zu wirksamer Praxis wird
Warum gelingt es vielen Trainerinnen und Trainer nicht, Inhalte aus Aus- und Weiterbildungen nachhaltig in den Trainings- und Wettkampfalltag zu übertragen? Entscheidend ist nicht das Wissen allein, sondern der gezielte Transfer in die Praxis. Dieser Beitrag zeigt, welche Faktoren den Transfererfolg beeinflussen – und wie du sie bewusst nutzen kannst, damit aus Lernen wirksame Leistungsentwicklung wird.

Autoren: Philipp Wäffler und Mark Wolf, Trainerbildung Schweiz.
Inhalte
Als Coach prägst du die Leistungsentwicklung deiner Athletinnen und Athleten entscheidend. In Ausbildungskursen der Trainerbildung Schweiz (TBS) erhältst du Ideen, Methoden und Erkenntnisse, welche die Trainings- und Wettkampfprozesse nachhaltig verändern können. Doch zwischen inspirierender Theorie und wirksamer Praxis liegt eine oft unterschätzte Hürde: der Transfer.
Denn Wissen allein verändert noch kein Verhalten. Erst die konsequente Anwendung im Trainings- und Wettkampfalltag entfaltet Wirkung. Genau hier entscheidet sich, ob eine Ausbildung lediglich ein wertvoller Impuls bleibt – oder zu nachhaltiger Leistungsentwicklung führt.
Wie gelingt es dir, neue Inhalte nicht nur zu verstehen, sondern gezielt umzusetzen? Welche Stellhebel kannst du als Trainer/-in bewusst nutzen, um Transfer wirksam, effizient und langfristig zu gestalten?
Wissen allein reicht nicht
Transfer ist kein Selbstläufer. Im Durchschnitt gelingt es lediglich zwei von zwölf Trainer/-innen, neu Gelerntes nachhaltig in den Trainings- und Wettkampfalltag zu übertragen. Acht versuchen zwar, das Wissen anzuwenden, scheitern jedoch an der Umsetzung. Zwei setzen sich erst gar nicht mit dem Transfer auseinander.
Diese ernüchternde Bilanz stammt von Prof. Brinkerhoff, einem der führenden Experten für Wirksamkeit und Evaluation von Lern- und Entwicklungsprozessen. Sie zeigt deutlich: Gute Ausbildungen allein reichen nicht aus. Mitentscheidend ist, wie der Transfer in die Praxis gestaltet wird.
Warum ist das so? Warum funktioniert Transfer manchmal – aber oft eben nicht? Und vor allem: Wie können wir als Trainer/-innen sicherstellen, dass Gelerntes effizient, wirksam und nachhaltig in die Praxis gelangt?
Genau hier setzt dieser Blog an. Er beleuchtet Faktoren, die die Transferwirksamkeit beeinflussen und zeigt dir konkrete Stellhebel auf, mit denen du den Praxistransfer gestalten kannst. Ziel ist es, Wissen und Können aus Aus- und Weiterbildungen nicht nur zu behalten, sondern in unterschiedlichen Kontexten gezielt anzuwenden. Denn Transfer in die Praxis ist der Schlüssel, um aus Wissen echte Leistungsentwicklung bei Athlet/-innen zu fördern.
Oder, wie es Goethe formulierte:
«Es ist nicht genug zu wissen, man muss es auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen, man muss es auch tun.»
Was fördert den Transfererfolg?
Transferforschung wird seit über 100 Jahren betrieben. In dieser Zeit wurden zahlreiche Einflussfaktoren identifiziert, die den Erfolg oder Misserfolg des Praxistransfers massgeblich bestimmen.
Grosse Einigkeit besteht darüber, dass grundsätzlich drei Bereiche entscheidend für die Transferwirksamkeit sind:
- die Teilnehmenden (du als Trainer/-in)
- das Trainingsdesign (Ausbildungsinstitution)
- die Organisation (Verband, Arbeitgeber)
Dr. Ina Weinbauer-Heidel vom Institute for Transfer Effectiveness hat diese Erkenntnisse in einem praxisnahen und übersichtlichen Modell zusammengeführt.
Es beschreibt zwölf konkrete Stellhebel, die den Transfererfolg gezielt fördern und verbindet diese mit klaren Handlungsempfehlungen für die Praxis.
Die überlappenden Dreiecke verdeutlichen: Transfer ist eine gemeinsame Verantwortung – von dir, der Ausbildung und der Organisation.
Transferwirksamkeit entsteht nicht zufällig. Es ist ein optimales Zusammenspiel aller Beteiligter – Verantwortung für wirksamen Transfer ist eine gemeinsame Aufgabe.
Stellhebel Bereich «Teilnehmende»
Mit dem Bereich «Teilnehmende» wirst du als Trainer-/in ganz direkt angesprochen, denn hier hast du selbst den grössten Einfluss.
Stellhebel 1: Transfermotivation – «Ich will es!»
Transfer beginnt mit der bewussten Entscheidung: Will ich das Gelernte im Trainingsalltag anwenden oder nicht? Ohne diese innere Bereitschaft bleibt der Praxistransfer weitgehend wirkungslos. Die Transfermotivation beschreibt die Intensität des Wunsches, Neues tatsächlich umzusetzen – und ist eine zentrale Voraussetzung für nachhaltigen Transfererfolg.
Entscheidend ist dabei nicht äussere Verpflichtung, sondern internale Motivation. Du bist besonders transferwirksam, wenn du den persönlichen Nutzen und den Sinn des Gelernten erkennst. Selbstbestimmung, Wahl- und Mitbestimmungsmöglichkeiten, forschend-entdeckendes Lernen sowie ein klares und transparentes Aufzeigen des konkreten Nutzens fördern diese Form der Motivation.
Letzlich liegt die Verantwortung für die Transfermotivation allein bei dir!
Stellhebel 2: Selbstwirksamkeitsüberzeugung – «Ich kann es!»
Transfer gelingt nur, wenn zum Wollen auch das Zutrauen kommt.
Die Selbstwirksamkeitsüberzeugung beschreibt, wie stark du daran glaubst, deine erworbenen Fähigkeiten im Trainingsalltag tatsächlich anwenden zu können. Dabei ist nicht dein objektives Können entscheidend, sondern deine subjektive Gewissheit, neue oder anspruchsvolle Situationen mit deinen Kompetenzen bewältigen zu können.
Du wirst besonders transferwirksam, wenn du dich als wirksam, handlungsfähig und kompetent erlebst. Dieser Glaube an dich selbst entsteht nicht zufällig, sondern durch konkrete Erfolgserlebnisse, durch das Beobachten von Personen, mit denen du dich identifizieren kannst, und durch ehrliche Ermutigung von anderen. Ein konstruktiver innerer Dialog und ein gutes Bauchgefühl wirken dabei als zentrale Verstärker.
Selbstwirksamkeit wächst dort, wo du erlebst, dass dein Handeln Wirkung zeigt. Erst mit dem klaren Gefühl «Ich kann es!» wird nachhaltiger Transfer möglich.
Stellhebel 3: Transfervolition – «Ich zieh’s durch!»
Zwischen guter Absicht und konsequenter Umsetzung liegt oft eine Lücke.
Genau hier setzt die Transfervolition an. Während die Motivation die Intensität unseres Umsetzungswunsches beschreibt («Ich will …»), ist die Volition die Bereitschaft, sich engagiert und kraftvoll für die Umsetzung einzusetzen («Ich zieh’s durch – komme, was wolle!»), auch wenn die Motivation nachlässt, Ablenkungen locken oder Hindernisse auftreten. Volition ist wie ein Commitment mit sich selbst!
Die Volition wächst, wenn du realistisch planst, mit Motivationseinbrüchen rechnest und konkrete Strategien bereithältst. Aufmerksamkeit lenken, Barrieren antizipieren, Emotionen bewusst einbeziehen und Verbindlichkeit schaffen helfen dabei, das Vorhaben durchzuziehen.
Wenn die Motivation nachlässt, ist die Volition der Akku bzw. das Notstromaggregat, das dabei hilft, deinen Plan dennoch weiterzuverfolgen.
Stellhebel Bereiche «Trainingsdesign» und «Organisation»
Auch wenn der Stellhebel Teilnehmende im Zentrum dieses Blogs steht, gibt es weitere Einflussfaktoren aus den Bereichen Trainingsdesign und Organisation, bei denen du als Trainer/-in einen direkten Hebel für die Transferwirksamkeit hast. Hier findest du eine Auswahl derjenigen Stellhebel, die wir aus Sicht Trainer/-in als besonders wirksam erachten:
Trainingsdesign
Stellhebel 4: Erwartungsklarheit
Erwartungsklarheit beschreibt, wie klar dir Ziel, Inhalt und Nutzen der Ausbildung sind. Unklare Erwartungen führen häufig zu unverbindlichem Lernen ohne nachhaltige Umsetzung.
→ Informiere dich frühzeitig (z. B. über den ausbildungsplaner.ch) über Lerninhalte und Austrittskompetenzen und formuliere daraus persönliche Transferziele.
Stellhebel 6: Aktives Üben im Training
Transfer wird wahrscheinlicher, wenn neue Inhalte im Kurs realitätsnah ausprobiert, erlebt und reflektiert werden.
→ Nutze die Übungs- und Anwendungsmöglichkeiten in den Ausbildungen konsequent, sammle erste Erfahrungen und fordere aktiv Feedback ein.
Stellhebel 7: Transferplanung
Ohne konkrete Planung bleibt die Umsetzung dem Zufall überlassen. Transferplanung übersetzt Lernen in klare Handlungsabsichten für den Alltag.
→ Nutze die vorgesehenen Planungsphasen während der Ausbildung, um konkrete Action Plans für deine Umsetzung zu erstellen.
Organisation
Stellhebel 8: Anwendungsmöglichkeit
Transfer gelingt nur, wenn der Arbeitsalltag reale Gelegenheiten zur Anwendung bietet. Fehlende oder blockierte Anwendungsmöglichkeiten verhindern die Umsetzung.
→ Kläre bereits vor der Ausbildung mit deinem Vorgesetzten, wo und wann du das Gelernte gezielt anwenden kannst.
Stellhebel 9: Persönliche Transferkapazität
Transfer braucht Zeit, Energie und Aufmerksamkeit. Ist die persönliche Belastung zu hoch, scheitert die Umsetzung trotz guter Absicht.
→ Setze dir realistische Transferziele und starte bewusst mit kleinen Schritten, um Überforderung zu vermeiden.
Stellhebel 10: Unterstützung durch Vorgesetzte
Vorgesetzte beeinflussen durch Interesse, Rückfragen und Unterstützung die Transferwahrscheinlichkeit entscheidend.
→ Involviere deine Vorgesetzten aktiv in dein Transfervorhaben und fordere gezielt Feedback und Unterstützung ein.
Praktische Tipps für erfolgreichen Transfer: Dein Action Plan
Im Trainingsalltag fehlt oft die Zeit, sich nach einer Ausbildung nochmals vertieft mit Kursunterlagen und zentralen Erkenntnissen auseinanderzusetzen. Studien zeigen zudem: Die Umsetzungsbereitschaft ist unmittelbar nach dem Kurs am höchsten – und nimmt danach rasch ab. Deshalb gilt: Plane deine Umsetzung bereits während des Kurses.
So gelingt dein Action Plan:
- Plane frühzeitig: Nimm dir im Kurs bewusst Zeit, um deine Umsetzung konkret vorzubereiten.
- Sammle Ideen: Notiere mehrere mögliche Transferpunkte für deinen Trainings- und Wettkampfalltag.
- Fokussiere: Entscheide dich für ein Vorhaben, das du wirklich umsetzen willst.
- Definiere kleine Schritte: Je konkreter Ziel und Commitment, desto höher die Erfolgswahrscheinlichkeit.
- Plane Details: Berücksichtige mögliche Hürden, suche unterstützende Personen und erstelle eine realistische Timeline.
- Starte sofort: Beginne direkt nach dem Kurs mit der Umsetzung.
Sei beharrlich und mutig, denn, wie es Maria von Ebner-Eschenbach schon wusste:
«Für das Können gibt es nur einen Beweis: das Tun!»
Quellen und Literatur
- Kirwan, C., & Birchall, D. (2006). Transfer of learning from management development programmes: testing the Holton model. International journal of training and development, 10 (4), 252-268.
- Wäffler, P. & Wolf, M. (2025). Enhancing transfer effectiveness in elite sports coaching education: Contemporary approaches and practical applications. 15th ICCE Global Coach Conference Abstracts. International Sport Coaching Journal, 12 (S1), 53-54
- Weinbauer – Heidel, I. (2016). Was Trainings Wirklich Wirksam Macht. Hamburg: tredition GmbH
Blog-Beiträge der Trainerbildung Schweiz (TBS)
Die Trainerbildung Schweiz (TBS) baut ihr digitales Angebot aus und unterstützt damit Trainerinnen und Trainer in ihrer täglichen Arbeit. Dazu publizieren wir hier regelmässig spannende Blog-Beiträge sowie Tipps und Tricks für Training und Wettkampf aus den verschiedenen Ausbildungs-Bereichen der TBS.
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