Fokus ADHS – Bewegung als Chance

Methodische Grundprinzipien

Sport kann für Kinder und Jugendliche mit ADHS ein wertvoller Erfahrungsraum sein. Gleichzeitig brauchen sie oft klare Strukturen, verständliche Kommunikation, kurze Anweisungen sowie verlässliche Rahmenbedingungen, um erfolgreich teilnehmen zu können. Viele Anpassungen sind klein. Ihre Wirkung im Training oder Unterricht ist jedoch gross. Oft profitieren alle Kinder der Gruppe von diesen Massnahmen.

Fokus ADHS – Bewegung als Chance: Methodische Grundprinzipien
Foto: PluSport

Beziehung vor Erziehung

Eine stabile, wertschätzende Beziehung ist die Grundlage für eine gute Bewegungsaktivität. Kinder und Jugendliche brauchen:

  • Verlässlichkeit
  • Klare Regeln
  • Wertschätzendes und konsequentes Handeln
  • Verständnis und Geduld

Struktur und Orientierung schaffen

Kinder mit ADHS profitieren besonders von klaren Abläufen und verlässlichen Strukturen. Wenn sie wissen, was sie erwartet, fällt es ihnen leichter, sich zu orientieren und aktiv mitzuwirken.

Hilfreich sind beispielsweise:

  • Klare Rituale zu Beginn und am Ende der Stunde. Eine Fülle an Ideen für Rituale finden Sie im Monatsthema 02/2017: Rituale im Kindersport  
  • Kurze und verständliche Erklärungen maximal 1–2 Minuten bzw. maximal 1-2 Anweisungen auf einmal
  • Visualisierte Abläufe mit Symbolen, Farben oder Piktogrammen
  • Zeitliche Orientierung durch Timer oder Stationenkarten
  • Platzierung in der Gruppe: Kinder oder Jugendliche mit ADHS so positionieren, dass sie möglichst wenig Ablenkung ausgesetzt sind, zum Beispiel in der Nähe der Lehrperson. Erklärungen im Sitzen im Kreis können das konzentrierte Zuhören unterstützen.
  • Reizarme Umgebung: Instruktionen möglichst in einer Umgebung mit wenig visueller oder akustischer Ablenkung geben. Die Lehrperson kann sich zum Beispiel vor eine Wand stellen. Hintergrundmusik kann ablenken und sollte nur gezielt eingesetzt werden.
  • Vorinformation über anstehendes Programm: Gibt Orientierung und schafft Ruhe

Rituale…

  • schaffen Vorhersehbarkeit und geben Sicherheit
  • sorgen für Orientierung und Struktur im Ablauf der Lektion
  • erhöhen die Aufmerksamkeit der Kinder
  • erleichtern den Einstieg in die Lektion
  • unterstützen Übergänge zwischen Übungen oder Spielformen
  • ermöglichen einen ruhigen gemeinsamen Abschluss
  • tragen zu einem störungsärmeren Unterricht bei
  • machen Spass

Visualisierte Abläufe – Tools & Ideen

  • Stationenkarten: Jede Übung oder Station bekommt eine Karte mit Bild/Symbol und  kurzer Beschreibung → Kinder erkennen selbstständig, was als Nächstes kommt
  • Farbsysteme: Farben für Reihenfolge, Gruppen oder Schwierigkeitsgrad → helfen  Kindern, sich schnell zu orientieren
  • Piktogramme & Icons: Symbole  unterstützen die Kommunikation visuell. Viele Piktogramme findet man bei METACOM 9 Desktop
  • Checklisten zum Abhaken: Kinder haken erledigte Stationen oder Aufgaben selbst ab → stärkt Selbstorganisation und Motivation
  • Ablaufplan an der Wand / Tafel: Sequenzen von Übungen mit Bildern/Symbolen darstellen. Immer die gleichen Symbole verwenden → Kinder können selbstständig folgen, Leitende müssen nicht alles wiederholen
  • Digitale Tools: Tablet oder Bildschirm mit Animations- oder Bildabläufen → besonders bei jüngeren Kindern oder komplexen Abläufen hilfreich
  • Symbole für Verhaltenserwartungen: Ruhig sitzen ✋, zuhören 👂, warten ⏱, zusammenarbeiten 🤝 → ergänzen die Bewegungsabläufe und unterstützen die Regelerwartungen

Übergänge bewusst gestalten

Übergänge zwischen Übungen können herausfordernd sein, deshalb sollten sie bewusst gestaltet werden. Kleine Bewegungsaufgaben helfen, Wartezeiten zu reduzieren. Hilfreich sind zum Beispiel kurze Überbrückungsspiele:

  • Bewegungskarten: Kinder ziehen eine Karte mit Bewegung (Hüpfen, Drehen, Strecken)
  • Reaktionsspiele: z. B. «Stop/Go», Farb- oder Signalspiele
  • Mini-Balance-Challenge – Auf einem Bein stehen, über Linie balancieren, kleine Hindernisse.
  • Weitere Ideen unter: Dossier 03/2020 – Überbrückungsspiele

Motivation durch positive Verstärkung

Kinder mit ADHS erhalten im Alltag oft häufiger negative Rückmeldungen. Im Sport können Leitende bewusst einen ressourcenorientierten Fokus setzen. Hilfreiche Strategien dabei sind:

  • Lob für Anstrengung statt Ergebnis
  • Konkrete positive Rückmeldungen (z.B. «Du bist heute gut bei deiner Gruppe geblieben».)
  • Kleine Belohnungssysteme wie Sticker, Smileys oder Sammelpunkte (mit Bedacht anwenden und nicht zu oft das System wechseln, weil sonst immer eine Belohnung erwartet wird.)
  • Verantwortungsrollen im Training (Materialchef, Punkteschreiber, Regelhüter)
  • Übungen/Aufgaben durch das Kind vorzeigen lassen

Impulsivität und Konflikte begleiten

Impulsives Verhalten oder starke Emotionen können im Sportalltag vorkommen. Wichtig ist eine ruhige, klare und respektvolle Reaktion. Ziel ist nicht Bestrafung, sondern Orientierung und Unterstützung. Mögliche Hilfestellungen:

  • Kurz aus der Situation gehen und das Gespräch suchen
  • Gefühle benennen («Ich sehe, du bist gerade sehr wütend.»)
  • Alternativen anbieten («Komm kurz mit mir, dann starten wir danach wieder.»)
  • Klare, einfache Regeln konsequent einhalten
  • Rückzugsort/Insel gestalten, z.B. Matte mit Uhr, die festlegt, wann man zurückkehren sollte. Das schafft Orientierung und gibt einen klaren Rahmen.

Zusammenarbeit mit Eltern und Fachpersonen

Ein offener Austausch mit den Eltern kann helfen, das Verhalten eines Kindes besser zu verstehen und passende Strategien zu finden. Eltern kennen oft hilfreiche Methoden aus Schule oder Therapie, die auch im Sport angewendet werden können.

Auch bei grösseren Herausforderungen kann der Austausch mit Lehrpersonen oder Fachpersonen wertvolle Hinweise liefern oder Verständnis schaffen. Wichtig ist dabei eine wertschätzende Kommunikation, die Stärken und Fortschritte genauso berücksichtigt wie Schwierigkeiten.

Achtung – Häufige Stolpersteine

Bestimmte Situationen können für Kinder mit ADHS besonders schwierig sein:

  • lange Erklärungen ohne Bewegung
  • unklare Regeln
  • häufig wechselnde Leitungspersonen
  • Wartezeiten
  • hoher Wettkampfdruck
  • Kritik vor der ganzen Gruppe
  • neue Umgebungen oder unbekannte Kinder

Diese Herausforderungen lassen sich durch klare Strukturen, Visualisierungen und eine wertschätzende Haltung gezielt abfedern.  Ziel ist nicht, jede Herausforderung zu eliminieren, sondern einen sicheren Rahmen zu schaffen, in dem Kinder mit ADHS aktiv teilnehmen, ihre Stärken zeigen und positive Erfahrungen im Sport sammeln können. Wertvolle Tipps im Lernbaustein


«Das Wichtigste für Leitende ist eine offene und wertschätzende Haltung: Jedes Kind ernst nehmen, seine Stärken sehen und mit klarer Struktur unterstützen – so wird Sport zu einem Raum, in dem alle mit Freude und Erfolg teilnehmen können.»