Sportcoaching

Coachinggespräche im Leistungssport – verstehen, klären, Lösungsraum öffnen

Coachinggespräche gehören im Leistungs- und Spitzensport zum Alltag. Viele Gespräche verlaufen freundlich, aber wenig wirksam. Der Unterschied liegt oft nicht im Inhalt, sondern im Timing: Entscheidend ist, dass Trainerinnen und Trainer nicht vorschnell lösen wollen, sondern zuerst verstehen, klären und dann einen umsetzbaren Lösungsraum öffnen.

[Bild Coachinggespräch – hat Yvan evtl. ein gutes Foto? ]

Autor: Philipp Schütz, Verantwortlicher Fachbereich Sportcoaching Trainerbildung Schweiz

[Quote:]

«Lerne zuerst dich selbst kennen. Du bist der erste Mensch, den du coachen können musst». Roger Rönnberg, Eishockeycoach


Gut gemeint ist nicht zwingend wirksam

Sina ist 21, spielt Volleyball im Leistungssport und funktioniert im Training stark. Vor wichtigen Spielen kippt sie jedoch mental: Sie schläft schlecht, kontrolliert alles und wird innerlich hart. Nach dem Training kommt sie noch kurz auf dich zu. Sie wirkt gefasst, fast sachlich, und sagt, sie sei vor wichtigen Wettkämpfen jeweils «einfach etwas angespannt».

Du hörst zu, gibst ein paar gut gemeinte Hinweise, empfiehlst eine Atemtechnik und versuchst, möglichst rasch etwas Hilfreiches mitzugeben. Das Gespräch endet freundlich. Beide gehen mit einem guten Gefühl auseinander. Und trotzdem ist beim nächsten Wettkampf fast alles wieder gleich.

Genau hier liegt einer der Stolpersteine im Leistungssport: Ein Gespräch kann angenehm, respektvoll und motivierend wirken – und trotzdem wenig in Bewegung bringen. Ein wirksames Gespräch erkennt man nicht daran, dass es angenehm ist, sondern daran, dass es Bewegung erzeugt. [FD1] Gerade bei Athletinnen wie Sina, die höflich kooperieren, aber eher technisch als emotional antworten, ist diese Gefahr real.

Gute Coachinggespräche fördern deshalb nicht nur Resultate, sondern auch Entwicklung, Selbststeuerung, Beziehung und gesunde Leistungsfähigkeit. Athlet/-innen im Leistungs- und Spitzensport wollen nicht nur funktionieren, sondern auch als Menschen wahrgenommen werden. Wer diesen Gedanken vertiefen will, findet dazu eine Ergänzung im Beitrag Athleten/-innen verstehen, optimal fördern und erfolgreich coachen.

Das Gerüst des Coachinggesprächs: fünf Teile, eine Struktur

Coachinggespräche verlaufen nie völlig schematisch. Trotzdem hilft ein klares Gerüst, damit Gespräche nicht vorschnell in Analyse, Rat oder Aktionismus kippen. Im Kern folgt das Gespräch fünf Teilen: Einstieg, Verstehensraum, Ziel heute, Lösungsraum und Abschluss. Das ist kein starres Rezept, sondern eher eine hilfreiche Orientierung. Und diese wird besonders dort wertvoll, wo man mit bester Absicht schon nach kurzer Zeit zu viel steuern möchte.

((wird noch überarbeitet durch fkü)) Abbildung 1: Die fünf Phasen des Coachinggesprächs (Quelle: Trainerbildung Schweiz)


Exkurs: Nicht jedes Gespräch ist ein Coachinggespräch

Trainerinnen und Trainer im Leistungssport führen nicht nur Coachinggespräche. Je nach Situation tragen sie unterschiedliche «Hüte» – und damit verändern sich auch Auftrag, Gesprächslogik und Rollenbeziehung. Wer diese Rollenklarheit vertiefen möchte, findet dazu in Die sechs Rollen einer Trainerin/eines Trainers einen passenden Anschlussbeitrag.

Je nach Rolle stehen unterschiedliche Gesprächsarten im Vordergrund:

  • Trainer/-in: Selektionen, Instruktionen, Lernziele, Videoanalysen
  • Berater/-in: Standortgespräch, Eltern, Karriere, Umfeld
  • Coach: Wohlbefinden, Care/Fürsorge, Ressourcen, Persönlichkeit, Selbstreflexion
  • Leader/-in: Staff/Mitarbeitende, Zielvereinbarung, Teamentwicklung, Disziplinarisches

Entscheidend ist: Ein professionelles Gespräch im Leistungssport ist nicht einfach jedes Gespräch, das freundlich und wohlwollend geführt wird. Im Führungsgespräch steht stärker das Interesse der Organisation im Vordergrund; die Trainerperson bezieht Position, mischt sich ein und trifft Entscheidungen.

Im Coachinggespräch steht stärker das Interesse der/s Athlet/-in im Zentrum; die Coachperson ist auf Augenhöhe, nimmt für die Athlet/-innen Partei und fördert lösungs- und ressourcenorientierte Lernwege. Wer ein Coachinggespräch führen will, sollte deshalb nicht gleichzeitig unbemerkt in den Selektions-, Führungs- oder Disziplinarmodus kippen.



Die einzelnen Coachingphasen im Überblick

Einstieg: ankommen lassen, einsteigen

Wenn Sina nach dem Training kurz das Gespräch sucht, geht es am Anfang nicht darum, möglichst schnell die «richtige» Intervention zu finden. Es geht zuerst darum, dass sie ankommen kann. Gerade eine Athletin, die leistungsorientiert, kontrolliert und eher distanziert auftritt, prüft am Anfang oft still, ob hier wirklich Raum ist oder ob gleich wieder Leistung, Lösung und Selbstoptimierung im Zentrum stehen.

  • Sina zuerst sprechen lassen
  • präsent zuhören statt früh steuern
  • zwischen den Zeilen wahrnehmen, wie kontrolliert Sina spricht
  • eine Atmosphäre schaffen, in der nicht sofort Leistung bewertet wird

Der Einstieg ist damit keine Verzögerung. Er ist die Eintrittskarte für Tiefe. Wer ihn überspringt, bekommt oft nur eine höfliche, saubere Kurzfassung – aber noch kein eigentliches Anliegen.

Verstehensraum: zuhören und verstehen wollen

Im Verstehensraum wird bei Sina erst sichtbar, was hinter dem Satz «Ich bin einfach etwas angespannt» überhaupt steckt. Hier zeigt sich, dass es nicht nur um Nervosität geht, sondern um Druck, Kontrolle, Schlafprobleme, Unsicherheit bei Fehlern und eine innere Härte, die sie selbst vielleicht als Professionalität missversteht.

Fragen, die im Verstehensraum bei Sina hilfreich sein könnten

  • Wie ist es bei dir konkret in den letzten 24 Stunden vor einem wichtigen Spiel?
  • Was merkst du zuerst: im Kopf, im Körper oder in deinem Verhalten?
  • Was wird in diesen Momenten besonders schwierig?
  • Was versuchst du dann zu kontrollieren?
  • Was soll anders werden?

Worauf die Coachperson hier achten sollte

  • Braucht Sina gerade eher Kontakt, Entlastung, Klärung, Aktivierung, Regulation oder Perspektivenwechsel?
  • Antwortet sie offen oder eher technisch und kontrolliert?
  • Wird etwas spürbar – oder bleibt alles nur klug beschrieben?
  • Ist noch mehr Verstehensraum nötig oder ist der Schritt Richtung Zielklärung schon möglich?

Gerade bei Sina wäre ein typischer Fehler, ihr Thema zu schnell als reines Wettkampfritual-Problem zu behandeln. Vielleicht braucht sie am Anfang gar nicht zuerst eine Technik. Vielleicht verändert sich im Gespräch zunächst etwas viel Grundlegenderes: Sie merkt, dass sie nicht einfach «zu nervös» ist, sondern unter hohem innerem Druck steht und diesen bisher vor allem mit noch mehr Kontrolle beantwortet. Erst dann kann das Gespräch wirklich weitergehen.

Ziel heute: aus einem diffusen Anliegen ein bearbeitbares Gespräch machen

Im Verstehensraum wird aus Sinas vagem «Ich will das irgendwie in den Griff bekommen» langsam ein konkreteres Gesprächsziel. Das Ziel für heute ist nicht, Sinas gesamten Perfektionismus zu heilen oder ihren Schlaf auf Lebenszeit zu optimieren. Das Ziel ist kleiner, schärfer und bearbeitbar.

Bei Sina zeigt sich diese Klärung auch sprachlich: Sie beginnt nicht nur über das Problem zu reden, sondern darüber, was sie in Drucksituationen eigentlich anders wahrnehmen, steuern oder ausprobieren möchte.

Ein passendes Ziel für heute könnte bei Sina sein

  • den Zusammenhang zwischen Druck, innerem Dialog und Anspannung klarer erkennen
  • einen kleinen, praxistauglichen Schritt für die Vorwettkampfphase entwickeln
  • Selbststeuerung fördern statt noch mehr Selbsthärte aufbauen
  • es ist konkret
  • es ist in der heutigen Gesprächszeit realistisch
  • es ist überprüfbar
  • es macht den nächsten Schritt sichtbar

Ohne diese Klärung verliert selbst ein gutes Gespräch schnell an Zugkraft: Man spricht offen miteinander, findet Verständnis – und bleibt dennoch in denselben Mustern stecken.[FD2] 

Lösungsraum: vom Verstehen ins Handeln kommen

Hier liegt das Herzstück des Coachinggesprächs. Und hier entscheidet sich, ob das Gespräch bei Sina wirklich etwas in Bewegung bringt.

Mit Lösungsraum ist nicht gemeint, dass du nun als Trainer/-in die grosse Werkzeugkiste öffnest und Sina mit Tipps, Tricks und mentalen Lifehacks eindeckst. Gemeint ist etwas Anspruchsvolleres: ein Gesprächsraum, in dem Sina eigene Möglichkeiten sehen, formulieren, prüfen und spüren kann. Lösungsorientierung bedeutet dabei nicht Problemvermeidung, sondern Fokus auf erwünschtes Verhalten, Zielzustände und vorhandene Ressourcen. Die Verantwortung bleibt beim Coachee; Trainerinnen und Trainer sind Sparringpartner, nicht Problemlöser.

Wer das weiter vertiefen will, findet dazu zwei passende Anschlussstücke:

Bei Sina ist das besonders wichtig. Sie ist ehrgeizig, intelligent und diszipliniert, reagiert aber unter Druck mit mehr Kontrolle und mehr innerer Härte. Ihr blinder Fleck ist, dass sie Selbstkritik mit Professionalität verwechselt. Wenn du in diesem Moment einfach neue Anweisungen gibst, kann es passieren, dass sie genau daraus das nächste Kontrollprojekt macht: noch strenger atmen, noch disziplinierter abschalten, noch effizienter funktionieren. Dann sieht das nach Lösung aus, ist aber oft nur derselbe Druck in sportpsychologisch hübscher Verpackung.

Was Sina im Lösungsraum braucht

  • Lösungsmöglichkeiten sehen, formulieren und vor allem spüren
  • einen kleinen, konkreten Schritt für die nächste Situation entwickeln
  • das Gefühl, nicht nur unter Druck zu reagieren, sondern sich steuern zu können
  • die Erfahrung, dass Veränderung nicht perfekt, aber möglich sein kann[FD3] 

Was die Coachperson im Lösungsraum[FD4]  leisten könnte

  • den Raum öffnen, nicht besetzen
  • Ressourcen ausdrücklich einbeziehen
  • mehrere Möglichkeiten denk- und spürbar machen, ohne die Verantwortung zu übernehmen
  • hilfreiche Bilder für den Lösungsweg erzeugen
  • Woran würdest du merken, dass du vor dem nächsten Spiel einen kleinen Schritt weiter bist?
  • Was tust du heute schon, das dir in Drucksituationen wenigstens ein bisschen hilft?
  • Wann warst du trotz Anspannung schon einmal leistungsfähig?
  • Was wäre vor dem nächsten Spiel ein kleiner, realistischer Schritt – nicht der perfekte?
  • Wie würdest du erkennen, dass du dich nicht härter, sondern wohlwollender steuerst?
  • Was spürst du im Körper, wenn du eher bei dir als im Kontrollmodus bist?
  • den inneren Dialog vor Wettkämpfen bewusster wahrzunehmen
  • den Körper als wichtigen Orientierungspunkt zu nutzen
  • hilfreiche Erfahrungen aus gelungenen Wettkämpfen wieder zugänglich zu machen
  • zwischen Vorbereitung und Überkontrolle besser zu unterscheiden

Was den Lösungsraum bei Sina sofort wieder schliessen würde:

  • Sinas Nervosität vorschnell «wegmachen» wollen
  • Druck nur als Problem statt auch als Hinweis verstehen
  • vorschnelle Tipps geben
  • helfen wollen statt Denken ermöglichen
  • ihre Selbstkritik unbemerkt noch verstärken

Woran du merkst, dass der Lösungsraum trägt:

  • Sina spricht konkreter und weniger nur technisch
  • Sie formuliert eigene Möglichkeiten, statt nur auf Vorschläge zu reagieren
  • Ressourcen und hilfreiche Ausnahmen werden sichtbar
  • Der nächste Schritt wird kleiner, aber klarer
  • Das Gespräch öffnet den Blick nach vorn, statt beim Problem stehen zu bleiben

Genau hier wird Coachingim Leistungssport [FD8] wirksam: nicht dann, wenn die Trainerperson besonders klug klingt, sondern dann, wenn die/der Athlet/-in ihren/seinen eigenen Weg präziser sieht und spürt.[FD9] 

Abschluss: den Transfer in den Alltag sichern

Am Ende braucht Sina nicht einfach ein gutes Gefühl, sondern einen nächsten Schritt. Der Abschluss sichert, was aus dem Gespräch in den Alltag mitgenommen wird: Was probiert Sina vor den nächsten Spielen konkret aus? Woran will sie merken, dass etwas anders läuft? Wann gibt es ein kurzes Feedback oder einen nächsten Termin?

Im Abschluss mit Sina lohnt sich nun zu klären:

  • Was ist dein nächster kleiner Schritt?
  • Wann setzt du ihn um?
  • Woran merkst du, dass er dir hilft?
  • Wann sprechen wir kurz darüber?
  • Was nimmst du aus diesem Gespräch konkret mit?

Das Wichtigste in Kürze:

  • Lass Athletinnen und Athleten zuerst ankommen
  • Verstehe die Situation, bevor du steuerst
  • Kläre ein Ziel für heute, nicht für die ganze Karriere
  • Öffne den Lösungsraum erst, wenn genug Verstehen da ist
  • Nutze Fragen, die Denken, Erleben/Spüren und Ressourcen aktivieren
  • Schliesse mit einem konkreten nächsten Schritt und einem Feedbackzeitpunkt ab


Sich Zeit nehmen ist bereits sehr wirksam

[[Coachinggespräche müssen nicht von Anfang an perfekt sein. Schon die bewusste Entscheidung, sich Zeit für Athletinnen und Athleten zu nehmen, ist sehr wertvoll. Gute Gesprächsführung wächst durch Übung, Reflexion und den Mut, Dinge auszuprobieren, die nicht immer sofort gelingen. Trainerinnen und Trainer dürfen dabei selbst Lernende bleiben: testen, scheitern, anpassen, neu versuchen – und gerade so als Coach und als Person mit den Athlet/-innen reifer werden.]]


Willst du Coachinggespräche direkt üben?

Wer Coachinggespräche nicht nur lesen, sondern direkt üben will, kann dies mit dem eigens entwickelten KI-Werkzeug «Coachinggespräche üben» tun. Hier lassen sich realistische Gesprächssituationen mit Athlet/-innen simulieren und anschliessend reflektieren – als Ideenquelle für Praxisfälle, als Spiegel für typische Gesprächsverläufe und als Trainingsraum für Haltung, Timing, Fragen und Coachingphasen.


((comments in word))

 [FD1]Frage: „bewegung erzeugt“ = etwas verändert, oder? -> Formulierung so? : Wirksam ist ein Gespräch nicht dann, wenn es angenehm ist, sondern wenn es Veränderung auslöst.

 [FD2]Ginge direkter. Vorschlag:

Das Ziel für heute ist erkennbar, wenn es:

  • konkret
  • realistisch
  • überprüfbar
  • handlungsleitend ist

Ohne Ziel bleibt ein Gespräch oft verständnisvoll – aber wirkungslos.

 [FD3]Irgendwie verwirrend, zwei mal „was sina braucht“. Hier ein Vorschlag, wie das „entwirrt“ werden könnte:

Deshalb braucht es:

  • Fokus auf Ressourcen statt Defizite
  • kleine Schritte statt grosse Lösungen

Was Sina braucht:

  • Möglichkeiten sehen, formulieren und vor allem spüren
  • einen kleinen, konkreten nächsten Schritt
  • das Gefühl von Selbststeuerung
  • die Erfahrung: Veränderung ist möglich, auch wenn sie nicht perfekt ist

 [FD4]Nicht zwingend, wir sind ja im „Lösungsraum“ -> kann weggelassen werden.

 [FD5]Nicht zwingend, wir sind ja im „Lösungsraum“ -> kann weggelassen werden. -> z.B. „Typische Fragen“.

 [FD6]Das auch, etwas umständlich. Einfacher:

Ein möglicher Fokus:

  • inneren Dialog wahrnehmen
  • Körper als Orientierung nutzen
  • hilfreiche Erfahrungen aktivieren
  • zwischen Vorbereitung und Überkontrolle unterscheiden

 [FD7]Mir fällt auf, dass in den „Fazits“ oft die negative Formulierung kommt, und dann die Auswirkung. Evlt. liesse sich das einfach „nur“ positiv formulieren. Z.b.: Wichtig: Veränderung zeigt sich oft klein – ruhiger sprechen, klarer unterscheiden. Genau diese Verschiebungen sind entscheidend.

 [FD8]Nicht nur dort, oder, das gilt für alle.

 [FD9]: Hier wird Coaching wirksam: wenn Athlet/-innen ihren eigenen Weg klarer sehen.

 [FD10]Wie oben, vorschlag: :

Ein wirksames Gespräch schafft Verständnis und Handlungsorientierung.