50 Jahre J+S – Integration

Viel erleben – Vielfalt leben!

Um den chancengleichen Zugang und die Partizipation aller Menschen zu fördern, setzt sich das Bundesamt für Sport seit 2008 für die Integration im Sport ein. Seitdem hat sich einiges getan! Unter dem Namen «Kulturelle Vielfalt im Sport» hat sich die Thematik bei J+S in der Grundausbildung und Weiterbildung verankert. Und für J+S-Leitende sowie Sportlehrpersonen entstand diverses Informations- und Unterstützungsmaterial. Im Rahmen der Berichterstattung zum 50. Geburtstag von J+S weist dieser Artikel insbesondere Sportlehrpersonen, J+S-Leitenden, Trainerinnen und Trainern einen Weg, wie sie kulturelle Vielfalt in Ihren Bewegungs- und Sportangeboten fördern und leben können.

Autorin: Jenny Adler Zwahlen, Dr. phil., Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Fachstelle Integration und Prävention, Bundesamt für Sport

Sporttreiben ist die beliebteste Freizeitaktivität von allen Kindern und Jugendlichen – auch von jenen mit Migrationshintergrund! Somit können Schulen und Sportvereine von kultureller Vielfalt bei gemeinsamen sportlichen, geselligen oder ehrenamtlichen Aktivitäten profitieren. Zudem gilt die vielfältige und frühe Integration aller Kinder und Jugendlichen im Sport als Schlüssel für ein lebenslanges Sporttreiben.

Vielfältig integrieren

«Integration im Sport» (pdf) meint den chancengleichen Zugang zum und die Teilhabe am Sport für alle Menschen in ihrer Vielfalt. Integration bezeichnet einen langfristigen Prozess. Dieser basiert auf Offenheit, Respekt und Toleranz aller Beteiligten im Sport. Damit im Sportunterricht und Sportverein «Vielfalt leben» gelingt, sollten Sportlehrpersonen und Sportleitende bemüht sein, Anpassungen und Entwicklungen herbeizuführen.

Junge Sporttreibende können im Sport in vielfältigen Dimensionen integriert sein:

  • Sie besitzen sportmotorische Fertigkeiten, erwerben sportspezifische Verhaltensweisen und Know-How («Kulturation»).
  • Sie sind akzeptiert, in soziale (Freundschafts-)Beziehungen eingebunden und das gemeinsame Sporttreiben läuft weitgehend konfliktfrei ab («Interaktion»).
  • Sie fühlen sich einer Sportgruppe zugehörig und verbunden und sind stolz darauf («Identifikation»).
  • Sie können Ideen einbringen und mitentscheiden, übernehmen Ämtlis, können Sportmaterial und -anlagen nutzen oder Ausbildungsangebote wahrnehmen («Platzierung»).

Die Chancen von kultureller Vielfalt

Wird die Integration aller im Sport unterstützt, so ergeben sich zahlreiche Chancen für aktive Kinder und Jugendliche. Sie lassen sich den vier Dimensionen abbilden.

Integration lässt sich durch Kulturation, Interaktion, Identifikation und Platzierung (v.r.o. n l.u.) abbilden.

Kulturation

  • Regeln im Sport, Verein und Wettkampf lernen
  • die lokale Sprache (besser) lernen und anwenden
  • Gepflogenheiten und Werte im Sport in der Schweiz und in anderen Ländern aneignen

Interaktion

  • Freundschaften schliessen
  • Alle in die Sportgruppe einschliessen
  • Mit Konflikten umgehen können

Identifikation

  • Sich einer Sportgruppe oder einem Sportverein zugehörig und verbunden fühlen
  • Stolz auf die eigene Sportgruppe sein durch gemeinsame Ziele und Erfolge

Platzierung

  • In der Sportgruppe mitreden, eine verantwortliche Person wählen und über Auswahlmöglichkeiten abstimmen dürfen
  • Ämtli bei einer Sportlektion oder im Sportverein übernehmen
  • Ideen der Sportlehrperson oder dem J+S-Coach mitteilen

Auch für Sportlehrpersonen und Leitende von Bewegungs- und Sportaktivitäten, ergeben sich Chancen durch «Vielfalt leben»: Sie können talentierte Kinder und Jugendliche in einem Team oder für ehrenamtliche Tätigkeiten gewinnen, z.B. als 14-18 J+S-Coach. Das Sportleben könnte auch bunter aussehen, wenn Sie neue Sportarten ausprobieren lassen. Als Vorbild für andere Sportlehrpersonen und Sportleitende fördern Sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Sport, indem Sie Vorurteile abbauen und ein Verhalten ohne Diskriminierung vorleben.


Die Challenge der kulturellen Vielfalt  

Trotz der Chancen von kultureller Vielfalt im Sport bewegen sich Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund weniger und sind seltener in Sportvereinen im Vergleich zu den meisten einheimischen Gleichaltrigen. Hingegen sind die Angebote des freiwilligen Schulsports für immigrierte Kinder, insbesondere Mädchen attraktiv. Denn hieran nehmen letztere deutlich häufiger teil im Gegensatz zu Angeboten in Sportvereinen.

Bei organisierten Sportangeboten mit kulturell vielfältigen Teilnehmenden und Verantwortlichen kommen Missverständnisse vor. Solche gibt es in allen Lebensbereichen, somit auch im Sport. Allerdings treten auch (interkulturelle) Konflikte, Stereotypisierungen, Diskriminierung, Fremdheitserfahrungen bis hin zu Eskalationen auf.

Damit wird deutlich, dass eine Herausforderung bei der Integration im Sport in der Erreichbarkeit von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund liegt. Eine weitere Herausforderung liegt im Umgang mit Kindern und Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft im Sportverein oder Sportunterricht. Beispielsweise entstehen solche Fragen:

  • Wie kann ein Junge, deren Eltern gemeinsames Bewegen und aktives Spielen nicht besonders wichtig ist, regelmässig an einem Kindersportangebot teilnehmen?
  • Wer übernimmt die Kurskosten oder den Mitgliedsbeitrag im Sportverein für ein Mädchen aus einkommensschwacher Familie?
  • Wie vermittle ich einem Jungen mit geringen Sprachkompetenzen die gemeinsamen Regeln oder wie ein Spiel funktioniert?
  • Wie sollte mein Verein für ein Sportangebot werben, damit Kinder ohne Sportvereinserfahrung gewonnen werden?
  • Wie gehe ich mit Eltern um, die andere Vorstellungen von dem haben, was im Sportunterricht vermittelt wird?

Finden Sie die Gründe für ungeklärte Fragen und komplizierte Situationen heraus

Wenn Sie integrationsförderliche Sportsettings gestalten möchten, dann sind einerseits die Eigenschaften, Möglichkeiten und Bedürfnisse von Kindern (und deren Eltern als wichtige Bezugspersonen) und Jugendlichen in den Blick zu nehmen.

Andererseits spielen auch die finanziellen und materiellen Ressourcen eines Sportvereins, die Passung der Sportangebote für Kinder und Jugendliche, eine kultursensible Haltung und integrationsförderliche (Zusatz-)Qualifikation von Sportlehrpersonen und Sportleitenden eine wesentliche Rolle.

Mehr über günstige Bedingungsfaktoren für die Teilhabe im Sport zeigt die folgende Box:

Faktoren bei Kindern und Jugendlichen

  • Sportbezogen: sportliche Vorerfahrungen, Häufigkeit der Sportaktivität und Mitgliedschaftsdauer im Verein, ähnliche Vorstellungen von Verhaltensweisen und Geschlechterrollen beim Sporttreiben, elterliche Sportaktivität, elterliche Überzeugungen über die Wichtigkeit von Sport und Bewegung im Kindes- bzw. Jugendalter und damit verbundene Unterstützungsleistungen
  • Soziokulturell: Ähnlichkeit von eigenen Werten und Verhaltensorientierungen mit jenen, die im Sportverein üblich sind, Sprachkompetenz und Anwendung der üblichen Sprache, längere Aufenthaltsdauer in der Schweiz (bei Kindern und Jugendlichen der ersten Migrationsgeneration), die Lebenssituation der Herkunftsfamilie: finanzielle und materielle Ressourcen, Bleibeabsicht am Wohnort, Nähe des Wohnortes zum Sportverein/zur Schule

Faktoren in Sportvereinen und im Schulsport

  • Sonder- oder Zusatzangebote, z.B. Schnuppertrainings, Extratrainings, aussersportliche, teambildende Anlässe oder finanzielle und sprachliche Unterstützungsleistungen
  • Passende Sportangebote hinsichtlich der speziellen Bedürfnisse und Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen aus Migrantenfamilien (z.B. geschlechtergetrennte Sportgruppen, günstige Trainingszeiten, präferierte Sportarten)
  • Niederschwellige Sportangebote setzen keine oder geringe sportmotorische und sprachliche Kompetenzen voraus, sind gesundheitsorientiert, freudbetont, kostengünstig, freiwillig (ohne Anmeldung und Verpflichtung), haben flexible Bekleidungsregeln und finden an vertrauten und wohnortnahen Orten statt
  • Förderliche Kommunikationswege: ein Vereinsziel oder Leitbild, dass explizit auf die Integrationsförderung ausgerichtet und in der Praxis umgesetzt wird; aktive Rekrutierung der zu erreichenden Zielgruppe, dazu gehören die Vernetzung mit externen Organisationen, Partnern und Schlüsselpersonen, Informationsmöglichkeiten; zielführende Kommunikation innerhalb der Schule oder des Sportvereins; einheitliches Verständnis, was «Integration» bedeutet
  • Personale Aspekte: Ämterbesetzung oder Rolleneinnahme durch kultursensible Personen (z.B. Trainingsleitende mit Migrationshintergrund); eine integrationsförderliche Haltung und Integrationsbemühungen, Möglichkeiten zur Kompetenzentwicklung für Sportlehrpersonen und Sportleitende (z.B. durch Aus- und Weiterbildungen)
  • Organisationskultur: Willkommenskultur und die Möglichkeit zum Aushandeln von Verhaltensregeln und kulturellen Spezifika zwischen Sportlehrpersonen bzw. Sportleitenden und jungen Sporttreibenden

Schritt für Schritt zur gelungenen Integration

Sie müssen keinen Marathon laufen, um Vielfalt im Sport zu fördern zu erleben. Allerdings ist es von Vorteil, wenn Sie gewisse Voraussetzung reflektieren und entsprechende Massnahmen treffen.

  • Offenheit, Toleranz und Respekt fördern: Eine wohlwollende Haltung in der Sportgruppe gegenüber Kindern und Jugendlichen mit unterschiedlicher Herkunft ist hilfreich, damit sich alle beim Sporttreiben gut aufgehoben fühlen. Neue Schüler oder Vereinsmitglieder werden besonders gut eingebunden, wenn sie willkommen geheissen werden und ihnen mit Neugierde begegnet wird. Schenkt man dem ersten Kennenlernen untereinander Aufmerksamkeit, so können frühzeitig gegenseitige Hemmungen abgebaut werden.
  • Sich vernetzen und austauschen: Um mit Kindern und Jugendlichen von Migrantenfamilien in Kontakt zu kommen, ist die Information über das Sportangebot in Schulen, Migrantenvereinen, Sozialdiensten oder Fachstellen oder Kinderarztpraxen hilfreich. Bewährt hat sich auch, wenn von Mund zu Mund auf das Angebot hingewiesen wird. Für neue Ideen oder bei der Bewältigung von Herausforderungen im Sportalltag ist der Austausch mit Sportvereinen, die gute Integrationsarbeit leisten oder der Austausch unter Sportlehrpersonen sinnvoll.
  • Sprachliche Verständigung fördern: Mehrsprachigkeit im Sportunterricht oder Sportverein kann Unterbrechungen und Missverständnisse beim gemeinsamen Sporttreiben verhindern: Andere Kinder, die Sportlehrperson oder die J+S-Leitende können dolmetschen oder englische Formulierungen nutzen, wenn z.B. ein Spielablauf erklärt wird. Um auf ein Sportangebot per Flyer oder Webseite aufmerksam zu machen, können Informationen in wichtigen Sprachen veröffentlicht werden.
  • Konflikte vorbeugen und konstruktiv lösen:. Ein gemeinsam ausgehandeltes Commitment im Sportunterricht oder im Sportverein über Verhaltensregeln und Werten, das auf Handzetteln abgebildet ist, dient dem sozialen Zusammenhalt. Es hilft, dass gemeinsames Sporttreiben oder gesellige «Höcks» angemessen ablaufen. Eine offene Kommunikation und lösungsorientiertes Verhalten unterstützt dabei, Missverständnisse, Konkurrenzsituationen oder Streitereien zu klären.
  • Bezugspersonen einbeziehen: Um das Vertrauen von Bezugspersonen, insbesondere der Eltern, zu gewinnen, sind informelle Gespräche wichtig. Zudem können sie zur Übernahme eines Ämtlis gebeten werden: als Hilfsperson in der Sporthalle (Posten aufbauen, dolmetschen) oder als »Götti» ein Kind vom Wohnort zum Sportverein begleiten. Können Eltern zur aktiven Teilnahme in der Sportlektion motiviert werden, so sind sie Vorbilder für ihre Kinder und kennen die Bedeutung von Sporttreiben für eine gesunde (Persönlichkeits-)Entwicklung ihrer Kinder.
  • Sich weiterbilden: Zur Sensibilisierung; was es bedeutet, Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Herkunft im Sportunterricht oder Sportverein zu haben bietet sich das J+S-Modul «Kulturelle Vielfalt im Sportverein» an (für Vorschulturnleitende: Netzwerk Miteinander Turnen). Dabei können sich Personen mit J+S-Anerkennung Fachwissen aneignen, die eigene Haltung reflektieren, gute Praxisbeispiele kennenlernen sowie integrationsförderliche Massnahmen entwickeln. Einen ähnlichen Ansatz zeigt das Video des Deutschen Olympischen Bundes DOSB, welches das Bildungsprogramm Fit für die Vielfalt vorstellt.

Sportsettings integrationsförderlich gestalten

«Viel erleben durch Vielfalt leben» kann gelingen: Wenn alle Kinder und Jugendliche vielfältige Gelegenheiten zur Integration erhalten (siehe Dimensionen) und sich einbringen, mitentscheiden oder selbst organisieren dürfen!

So entsteht die Chance, dass herkunftsspezifische Besonderheiten im Schulsport und in der Sportgruppe eines Vereins sichtbar und zur Integration genutzt werden.

Vielfältige Situation in der Sporthalle.
Lassen Sie die Kinder und Jugendlichen aktiv an der Gestaltung des Bewegungsangebots teilhaben.
  • Ein Kind darf pro Unterrichts- oder Sportlektion sein Lieblingsspiel oder ein Spiel aus «seinem» Land vorstellen und alle spielen es (-> Unicef «Spiele rund um die Welt»).
  • Bewegungsformen und Rituale aus aller Welt spielerisch kennenlernen (-> Interkulturelles Memory «Klapperstorch und Kohlkopf»).
  • Bei Missverständnissen und Konflikten einen konstruktiven Umgang fördern sowie anregen, Emotionen und Bedürfnisse auszusprechen. Kreiert ein Versöhnungsritual, das hilft, einen Streit beizulegen (-> J+S-Kartenset «Gute Aktivitäten-Fördern»).
  • Kooperationsspiele wählen, um den Zusammenhalt, Fairness und das gegenseitige Vertrauen zu fördern
  • Alle entwerfen ihr gemeinsames Team-Shirt, indem jede und jeder etwas Persönliches darauf malen darf. Damit wird gezeigt, dass alle mit ihren unterschiedlichen Eigenschaften dazugehören.

Es gibt passende Methoden und Tools, die Sie bei der Planung ihrer Sportlektionen, Bewegungsangebote und Sportaktivitäten unterstützen.

  • Nutzt bestehende Leitfäden, Handbücher und Handzettel mit konkreten Übungsbeispielen oder Beiträge von mobilesport zur Förderung von Vielfalt
  • Baut Spiel- und Bewegungsformen niederschwellig auf, sodass alle Kinder und Jugendliche die Bewegungsform verstehen und möglichst einfach mitmachen können. Um Sprachbarrieren beim Sporttreiben zu überwinden, sind Alltagsgegenstände oder spezifisches Sportmaterial hilfreich (z.B. Bälle mit Wörtern in verschiedenen Sprachen). Zudem eignen sich Karten mit Piktogrammen, um Spiel- oder Verhaltensregeln ohne Sprachvoraussetzungen verständlich zu machen.
  • Klickt euch durch den digitalen J+S-Lernbaustein «Vielfalt leben». Hier findet ihr weitere Anregungen oder Antworten auf eure Fragen.

Weiterführende Informationen

Gute Praxisbeispiele im organisierten Sport


Praxisorientierte Lehrmittel[AZJB2] 

Jugend und Sport

Weitere


Forschung aus der Praxis für die Praxis


Aus- und Weiterbildungen