Wertvoller Sport praktisch umgesetzt

Nähe und Fürsorge in der Sportpraxis

Lehrpersonen können Nähe und Fürsorge im Unterricht gezielt thematisieren, theoretisch wie praktisch. Das Modell RISK bietet eine klare Struktur zur Reflexion von Risikosituationen und unterstützt einen verantwortungsvollen Umgang mit Nähe im Sport.

Sport lebt von Nähe und Fürsorge. Nähe zeigt sich im (Sport-)Alltag – im Miteinander, im Helfen und Sichern, im Kommunizieren, in gemeinsamen Momenten wie Jubel bei Siegen oder Trost nach Niederlagen oder im Respektieren von Grenzen. Nähe gehört damit fest zum Sport dazu.

Gleichzeitig wird Nähe im Sport unterschiedlich erlebt und verlangt deshalb besondere Achtsamkeit, Respekt und Fürsorge. Nähe kann motivieren, sich angenehm oder irritierend anfühlen, Sicherheit geben und das Gefühl von Zugehörigkeit stärken. Das gute Mass an Nähe unterstützt, ohne die Selbständigkeit einzuschränken und gibt Sicherheit, ohne einzuengen. Auch klare Regeln geben im Umgang mit Nähe und Distanz Sicherheit für alle Beteiligten. Werden Nähe bewusst gestaltet und persönliche Grenzen respektiert, entsteht ein Umfeld, das Lernen fördert, (Selbst-)Vertrauen stärkt und Freude am Sport sowie die persönliche Entwicklung ermöglichen.

Eine offene Gesprächskultur sowie regelmässige Möglichkeiten für Austausch und Reflexion sind wichtig, damit Unsicherheiten, Irritationen und Grenzverletzungen frühzeitig angesprochen werden können.

Fürsorge zwischen Macht und Nähe

Fürsorge äussert sich im aufmerksamen Beobachten, im klaren Reagieren auf ein Stopp‑Signal, im Wahrnehmen von nonverbalen Signalen wie Rückzug, Unsicherheit, Vermeidung oder stark angepasstem Verhalten und im verlässlichen Dasein, wenn Unterstützung notwendig wird. Sie stellt sicher, dass Sportler/-innen körperlich und psychisch geschützt sind und respektiert, dass jede Person ein eigenes Tempo, eigene Bedürfnisse und eigene Grenzen hat.

Macht und Nähe sind im Sport eng miteinander verbunden – Nähe entsteht oft dort, wo jemand Verantwortung trägt und Einfluss hat. Fürsorge gewinnt im Zusammenspiel von Nähe und Macht eine besondere Bedeutung. Fürsorge bedeutet, Macht nicht auszunutzen, sondern sie so einzusetzen, dass andere gestärkt /ermächtigt werden (Verweis auf Artikel «Macht und Beteiligung»).

Körperliche und emotionale Nähe

Im Sport hat Körperkontakt oft eine wichtige Funktion. Er hilft zum Beispiel bei technischen Korrekturen, zur Sicherung von Bewegungen oder zur Unterstützung.

Angemessene Körperkontakte zeichnen sich durch vier Merkmale aus, die im Reflexionsschema RISK (siehe Abb. Schema RISK) näher vorgestellt werden:

  • Rollenklarheit (R): Angemessene Körperkontakte haben immer eine Funktion (z.B. Hilfestellung, Sicherung, Körperkontakt als Teil der Sportart etc.) und passen zur Rolle.
  • Informiertheit (I): Sie sind für alle angenehm und berücksichtigen die individuelle Wahrnehmung.
  • Selbstbestimmung (S): Sie beruhen auf Einverständnis und lassen Raum für Rückzug.
  • Kommunikation (K): Sie werden vorher besprochen oder (wenn möglich) angekündigt.

Auch angemessene oder funktionale Körperkontakte können unterschiedlich erlebt werden. Transparentes und nachvollziehbares Verhalten schafft Vertrauen und Orientierung.

Neben körperlicher Nähe (z.B. Berührungen) gibt es auch emotionale Nähe (z.B. Sprache, Blickkontakt, Tonfall, Aufmerksamkeit, Interesse). Die Kombination aus körperlicher und emotionaler Nähe macht Sport zu einem besonderen sozialen Raum. Beide Formen prägen den Sportalltag.

Die Themen Nähe und Fürsorge lassen sich gut in die Sportpraxis integrieren, erlebbar machen und fördern kritisches Denken.

«Vertrauen entsteht, wenn Worte und Taten übereinstimmen.» (Albert Schweitzer)

Ein Reflexionsschema für Risikosituationen

Für die Reflexion von Risiken rund um Nähe und dem guten Mass von Nähe gibt es ein hilfreiches Schema: RISK.

Es dient dazu, Diskussionen in konkreten Situationen besser zu lenken und einen Orientierungsrahmen zu geben. Es zeigt auf, was in einer Risikosituation zu beachten ist. Dabei liegt die Verantwortung immer bei der Person in der mächtigeren Position. Deshalb ist es wichtig, in allen Überlegungen zu Risiken auf diese Person zu fokussieren.

Eine Situation aus dem Sportalltag regt folgende Fragen an:

WasFragestellung
Rollenklarheit (R)Handelt die mächtige Person rollenklar und auftragsbezogen?
Informiertheit (I)Handelt die mächtige Person fachlich korrekt?
Selbstbestimmung (S)Beachtet die mächtige Person die Selbstbestimmung der begleiteten Person? Ermöglicht sie ihr Mitsprache -, Wahl- oder Rückzugsmöglichkeiten?
Kommunikation (K)Kommuniziert die mächtige Person vorausschauend, umsichtig und transparent?
Abb. Schema RISK

Risiken im Zusammenhang mit Nähe können begrenzt und entschärft werden, wenn Personen in einer Machtposition Selbstbestimmung ermöglichen und sich rollenklar, informiert und kommunikativ verhalten.

Dabei ist es wichtig, eine Sprache für Nähe zu finden. Die Begriffe in der folgenden Abbildung geben der Nähe ein konkreteres Gesicht. Sie sind grösstenteils auch im Swiss Olympic Ethik-Kompass zu finden.

Der Kreis signalisiert: Wenn Nähe in einem guten Mass eingesetzt wird, ist die Würde des Menschen gewahrt und dadurch der wertvolle Sport gestärkt.

Begriffe der Macht für die Good Practice
Abb.: Swiss Olympic

Good Practice

Mit nachfolgenden Übungen kannst du in deinem sportpraktischen Unterricht die Dynamik von Nähe und die Bedeutung von Fürsorge erlebbar machen. Sie schaffen Lernräume, in denen die Teilnehmenden unterschiedliche Sichtweisen und individuelle Grenzen kennenlernen und ihre Erfahrungen reflektieren.

Die Übungen fördern Kompetenzen wie Körperwahrnehmung, Gefühlsbewusstsein, Kommunikation, Perspektivenübernahme oder Selbstbestimmung. Diese Kompetenzen unterstützen den Schutz, die Teilhabe und einen verantwortungsvollen Umgang mit Nähe. Sie entwickeln sich durch wiederholte Erfahrungen, Reflexion und den Transfer in den Alltag.

Eine gemeinsame Reflexion der Erfahrungen nach einer Übung ist deshalb zentral. Abschliessend erhalten die Teilnehmenden Impulse zum Thema sowie für den Transfer in ihren (Sport-)Alltag. Denn nur was wir wahrnehmen, verstehen und wertschätzen, können wir auch schützen. Oder anders gesagt: «Was ich schätze, schütze ich.» Wo notwendig, kann eine klare Haltung zum Schutz von Personen in schwächeren Positionen eingenommen werden. Das Reflexionsschema RISK bietet dabei Unterstützung. Einige passende Impulse sind direkt bei den Übungen zu finden.

Wichtig: Die Übungen können (unangenehme) Erinnerungen an eigene Erlebnisse wecken. Es gilt, auf das Wohlbefinden aller Beteiligten zu achten. Teilnehmende sollen jederzeit die Möglichkeit haben, eine Übung oder Diskussion abzubrechen, eine Pause einzulegen oder sich nicht zu äussern. Diese Möglichkeit sollte bereits bei der Einführung der Übung deutlich gemacht werden.


Taktvoll oder unsensibel?

Die Übung thematisiert den persönlichen Schutzraum und individuelle Grenzen.

Achtsam oder unklar?

Die Übung bietet Raum für Selbstwahrnehmung und ermöglicht, die aktuelle Befindlichkeit zu spüren (Stimmung, körperliche Verfassung etc.).

Schützend oder gleichgültig?

Das Spiel thematisiert den Bedarf an Hilfe, Schutz, Verantwortung und Perspektivenübernahme. Es fördert die Teamarbeit und gegenseitiges Vertrauen.

Tragend oder unvorsichtig?

Die Übung fördert gemeinsame Verantwortungsübernahme, fördert gegenseitiges Vertrauen und stärkt das Gefühl von Verbundenheit.

Einbindend oder ausgrenzend?

Das Spiel macht das Spannungsfeld von Nähe und Distanz im Sport direkt erlebbar. Nicht über körperliche Nähe, sondern über soziale und emotionale Distanz.

Verlässlich oder unsicher?

Das Spiel thematisiert Voraussetzungen von Verlässlichkeit und das Übernehmen von Verantwortung füreinander. Gleichzeitig stärkt es das Gefühl von Sicherheit.

Fürsorglich oder unpassend?

Die Übung ermöglicht das Unterscheiden zwischen notwendiger, unpassender und aufdringlicher Hilfe.